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Deconstructing “Deconstructing Disney”

Eine kleine Analyse der als Sachbuch veröffentlichten Dissertation “Deconstructing Disney” von Eleanor Byrne und Martin McQuillan.

Marin Balabanov, 29. März 2007

Das 1999 erschienene “Deconstructing Disney” behandelt jene Disney Zeichentrickfilme, die zwischen 1989 und 1999 in die Kinos gekommen sind. Diese Zeitspanne stellt den “zweiten Frühling” des Animationsfilmes dar, nach einer langen Tiefphase des Mediums, die beinahe zum kompletten Abbau des Animationsfilmstudios geführt hat.

Mit “The Little Mermaid” gelang es Walt Disney Pictures 1989 den Animationsfilm wieder zurück zu den Wurzeln zu führen und im Gegensatz zu den Filmen der Jahre zuvor kommerziell erfolgreich zu machen. Dabei griffen die Animationskünstler auf die von Walt Disney selbst aufgestellten Prinzipien zurück und basierten ihren Stoff auf die Märchen- und Sagenwelt alter Kindererzählungen. Zudem verpassten sie dem Stoff einen völlig neuen und zeitgemäßen “Spin”, indem sowohl den Figuren Motivationen gegeben wurden, die für ein modernes Publikum nachvollziehbar sind, als auch ästhetisch an die Bilderwelt des Realfilms und des Fernsehens des ausklingenden 20. Jahrhunderts angeknüpft wurde.

Die Meerjungfrau als Teenie

In ihrem Werk analysieren Byrne und McQuillan die Filme von “The Little Mermaid” über den bisher größten Disney-Animations-Erfolg “The Lion King” bis hin zu “Hercules”, der zwar nicht der letzte große Zeichentrickfilm des Studios war, aber deutlich zeigte, dass der Höhenflug langsam auf ein Ende zusteuerte. Die Autoren vermuten viel mehr als nur ökonomische Interessen hinter den Filmen. Sie sehen darin ein Spiegelbild der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten der Neunziger Jahre. Mit den Mitteln der Inhaltsanalyse und unter Zuhilfenahme von Interviews mit Filmschaffenden und Kritikern deuten die Verfasser das alles andere als kohärente Filmwerk. Dabei konzentrieren sie sich vor allem auf psychologische Mechanismen, die sie unter Berufung auf das Werk europäischer und US-amerikanischer Philosophen nach genderpolitischen Kriterien deuten.

Circle of Strife

Als Werk, das im Verlag Pluto Press kommerziell veröffentlicht wurde, verfügt “Deconstructing Disney” selbstverständlich über vorbildliche formale Merkmale. Sowohl Inhalts-, als auch Stichwortverzeichnis sind vorhanden und gut gegliedert. Die Zitation im Fließtext entspricht der amerikanischen Usance mit dem Verweis auf die Quelle als Fußnote im Anschluss an den Haupttext. Die meisten Abschnitte beginnen mit dem Zitat eines Schriftstellers, Politikers oder Denkers vergangener Zeitalter und sind korrekt mit dem Urheber des Ausspruchs gekennzeichnet.

Nach den Danksagungen folgt die Einleitung, nach dem Haupttext bildet ein zusammenfassender Epilog das Schlusswort. Das Literaturverzeichnis und die Fußnotenerläuterungen bilden den Abschluss.

Das größte Problem der Arbeit ist aber nicht formaler sondern inhaltlicher Natur. Disney wird dämonisiert, als sei jede Aussage im Film ein eindeutiger Versuch des Konzerns, das Publikum zu manipulieren. Das ist natürlich nichts Neues, da Disneys Filme stets konservativ, patriarchalisch und heterosexuell ausgerichtet sind. Byrne und McQuillan greifen genau diese zentralen Positionen an, erkennen aber auch die subtilen Veränderungen an, welche die Filme in den besprochenen 10 Jahren durchgemacht haben.

Philosopher’s Song

Dabei konterkarieren die Autoren den Disney-Text mit Aussagen von Derrida, Camus und jedem anderen modischen Philosophen, um ihrem eigenen Text einen intelektuellen, europäischen Stil zu verleihen. Dadurch entstehen Stilkonvulsionen wie:

“Of course, Snow White has a stepmother, which might also be considered, following Derrida’s use of the french word ‘pas’ meaning both ‘step’ and ‘not’, as a not-mother. ‘Pas’ as ‘step’ also means ‘pace’, ‘footprint’, ‘trace’, suggesting that Snow White has both a step/not-mother and a trace of a mother”
(aus “Deconstructing Disney”, Seite 61).

Der größte Mangel bei den entwickelten Thesen ist jedoch ihre schwere eindeutige Nachvollziehbarkeit. Sie stellen eine Lesensart dar und keine faktische Aussage. Trotz aller Unzulänglichkeiten sind die Bemühungen der Autoren, eine Verbindung zwischen den Disney-Filmen und der medialen Expansionspolitik des Konzerns selbst (EuroDisney, Disney-Musicals usw.), allerdings ebenso interessant und diskutierenswert wie die Parallelen zur letzten verbleibenden Supermacht, den USA.

Insgesamt stellt “Deconstructing Disney” einen zwar interessanten aber sperrigen und politisch tendenziellen Beitrag in der Werkanalyse des dynamischsten Geschichtsabschnittes der Disney-Animationsfilme dar.

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