MarinComics Home
weblog

Zurück zum Hauptblog
Zum Archiv

Die geheime Geschichte des Web

Wer hätte gedacht, dass die geistigen Urväter des Internet bereits vor fast 100 Jahren die Grundsteine für den "Information Super-Highway" gelegt haben? Der belgische Informationstheoretiker Paul Otlet und der amerikanische Techniker Vannevar Bush nahmen PC und Internet vorweg. Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Ideen von Paul Otlet und Vannevar Bush zur Formatierung des Wissens. Modelle des Webs im vordigitalen Zeitalter.

Marin Balabanov, 20. Juli 2007

Computer waren nicht immer synonym mit Information und Informationsverarbeitung. Information war in irgendeiner Form stets vorhanden. Beruhte sie in der Frühgeschichte aus mündlichen Überlieferungen, so wurde Wissen Jahrhunderte lang in Form von Büchern gesammelt, die in manchen Zeitaltern von der Kirche argwöhnisch gehütet wurden.

Erst mit der Verbreitung des Buchdruckes und nach der Entstehung eines kritischen, aufgeklärten Mittelstandes wurde das Buch zum Symbol des Wissens.

Anfang des 20. Jahrhunderts begann Information sich mit der Maschine zu koppeln. Daten wurden anfangs in Hollerith Maschinen angesammelt und sortiert, später in Rechenanlagen berechnet und zu Information zusammengefügt. Daraus ergab sich ein größeres Potential für Menschen daraus Wissen zu gewinnen. Die Verküpfung von Daten ergab für sich etwas Neues. Das 21. Jahrhundert ist das Zeitalter der totalen Abrufbarkeit von Wissen, so wundert es, das die Geschichte dieses Prinzips nur langsam die gebührende Beachtung geschenkt wird.

In dieser Arbeit sehen wir uns zwei zentrale Figuren dieses Prozesses an. Es sind dies der Belgier Paul Otlet und der US-Amerikaner Vannevar Bush. Trotz ihrer unterschiedlichen Ansätze verfolgen sie ein gemeinsames Ziel: Wissen abrufbar machen, mithilfe technischer Mittel. Beide waren sich bewusst, dass Information erst dann zu Wissen wird, wenn man weiss, wo sie zu finden ist und wie sie zusammenhängt.

Im Folgenden möchte ich Otlet und Bush vorstellen, ihre zentralen Ideen erörtern und auf Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede ihres Denkens eingehen.

Paul Otlet - Der Mann, der das Wissen liebte

Am Anfang stand das Wort. Und dies wurde von Paul Otlet dokumentiert und geordnet. Der Informationstheoretiker Otlet begann Anfang des 20. Jahrhunderts mit einem ambitionierten und visionärem Projekt. Er wollte das gesamte Weltwissen klassifizieren und abrufbar machen.

Otlet zählt zu den Gründern der Dokumentation. Basierend auf Deweys "Decimal Classification", schuf der studierte Jurist zusammen mit Henri La Fontaine die "Universal Decimal Classification" als System das Weltwissen nicht nur in Wort und Schrift, sondern auch in Bildern und für einen späteren Zeitpunkt geplant als Ton- und Filmaufzeichnungen abrufbar zu machen. Zu seinen zentralen theoretischen Werken zählen "Traité de documentation" (1934) und "Monde: Essai d'universalisme" (1935).

Paul Otlet war ein unermüdlicher Idealist und Friedensaktivist. Er war überzeugt davon, dass gemeinsames Weltwissen zu einer Ära des Weltfriedens führen würde. Dazu wandte er sich an internationale Organisationen wie dem UN-Vorläufer "League of Nations". Obwohl er sich selbst wahrscheinlich nicht als solcher bezeichnet hätte, war Otlet Informatiostheoretiker, der sich der Technologie annäherte. Er überlegte sich, welche technischen Mitteln als Lösung für die von ihm gestellten Fragen notwendig wären. Damit nahm er in seiner lange vergessenen Arbeit viele jener strukturellen Entwicklungen vorweg, die später unter den Bezeichnungen "Internet" und "Web" ins öffentliche Bewusstsein treten sollten.

Seine visionären Pläne bedurften breiter Strukturen, wie sie zum damaligen Zeitpunkt überwiegend von staatlichen Einrichtungen erhalten werden konnten. Trotz anfänglicher Unterstützung für seine Projekte, verschoben zwei Weltkriege die Prioritäten der Staaten Europas und machten so Otlets Arbeit zunichte. Als der Friedensvisionär 1944 starb, war für ihn nicht absehbar, ob die Hölle, in die sich Europa verwandelt hatte, jemals ein Ende finden würde.

Bevor wir auf Otlets Ideen konkret eingehen, kommen wir zu Vannevar Bush, der beinahe ein halbes Jahrhundert nach Otlet ähnliche aber praktischere Vorschläge machte.

Buchwissen vs. digitalem Wissen

Vannevar Bush - Verfechter des Industriell-intellektuellen Komplexes

Vannevar Bush war ein amerikanischer Ingenieur und in der US-Forschungsverwaltung tätig. Er ist vor allem für seine Arbeit im Bereich der analogen Rechenanlagen bekannt und für seine politische Rolle in der Entwicklung der Atombombe.

Ihm wird die maßgeblich Beteiligung am Aufbau des sogenannten "military-industrial complex" und der damit verbundenen finanziellen Förderung von Grundlagenforschung aus den Mitteln des Militärs nachgesagt. Während des Zweiten Weltkriegs trat er als prominente politische und intellektuelle Figur in öffentliche Erscheinung.

Trotz seiner Karriere im staatlich finanzierten Forschungsbereich war er stets ein Verfechter des freien Unternehmertums und der Innovation durch Wettbewerb.

Im Gegensatz zu Otlet war Bush Technologe, der die Annäherung an die Informationstheorie vollzog. Er machte sich Gedanken darüber, welche Probleme durch vorhandene oder absehbare Technologien gelöst werden könnten. Damit nahm er als skizzenhafte Idee viele jener technischen Entwicklungen vorweg, die später unter den Bezeichnungen "PC" und "elektronische Dokumentenverwaltung" ins öffentliche Bewusstsein treten sollten.

Vor seinem Tod im Jahr 1974 im Alter von 84 Jahren konnte er das Internet nur in seiner militärisch-universitären Frühform miterleben.

Der Kern vieler seiner Ideen war aber bereits durch Otlet gesäht. Bevor wir auf Bushs zentrale Themen eingehen, sehen wir uns Otlets Vorhaben genauer an.

Das Unendliche katalogisieren

Otlet sah die Notwendigkeit von Maschinen, die Meta-Daten verwalten und das Dokumentieren, das Strukturieren von Information und ihre Abufbarkeit erleichtern.

Lt. Otlets Biograph Rayward Boyd beschrieb der Informationstheoretiker diese Maschine auf folgende Weise:

"A machine unaffected by distance which would combine at the same time radio, X-Rays, Cinema and microscopic photographie. Thus the moving image of the world would be established, its true duplicate, its living memory. Anyone would be able to contemplate the whole of creation or particular parts of it. An annex to the brain, a sort of appended exodermic organ."

Zentrale Stelle, in der samtliche Verweise auf Information gesammelt werden, wurde das Palais Mondial - später Mondaneum. Dort würde es seperate Abteilungen für die Informationen aus den verschiedenen Ländern geben, sowie andere Aufteilungen nach breiten Themenstellungen.

Das gesamte dokumentiert Weltwissen bestehend aus Sachbüchern und Fachpublikationen und sogar internationalen Periodika sollte an einem Ort zusammengebracht werden. Es sollte eine Mischung aus Museum, Bibliothek und Index des Wissens der Weltgesellschaft.

Zusammen mit La Fontaine hat Otlet seine Ideen im Palais Mondial verwirklichen können. Zuerst in einem Gebäude der Weltausstellung 1910. Später erhielt er von der Stadt Brüssel ein altes Sanatorium bereitgestellt. Dort hortete er bis zu seinem Tod einen ausufernde Archive und Indizes. In deren Zentrum wurden mehr als 12 Millionen Verzeichniskarten und Dokumenten abrufbar gelagert. Der Mikrofilm wurde als damals realistischstes Mittel der Lagerung gewählt. So löste Otlet den Inhalt des geschriebenen Wortes vom Trägermedium Papier und dem Prinzip Buch.

Das Mundaneum stand im Zentrum eines gedachten Kreises, von dem aus Verweise auf Wissen führten, das in internationeln Organisationen, nationalen Einrichtungen und letztenendes lokale Stellen führte. So hätte jedes Dokument eine eigene "Adresse" bestehend aus den hierarchisch geordneten Kennungen von Land und Institutionen, in denen sie sich befinden. Der Aufbau dieses Verweis-Kreises hat formale Ähnlichkeit mit der heutigen IP-Adresse. Dort verfügen Computer ebenfalls über eine Adresse mit der hierarchischen Bezeichnung von Region, Land, Stadt und lokaler Kennung.

Otlet nannte dieses Ordnungssystem "Universal Decimal Classification. Das Mundaneum wurde begleitet von Konferenzen und einer Organisation, in der die Rahmenbedingungen festgelegt wurden. Sobald es die technischen Mittel erlaubten, wollte Otlet dieses Weltwissen allen Menschen von ihrem Zuhause aus zugänglich machen. Somit entstand etwas, das vergleichbar ist mit einer analogen Variante des Internet (ohne der Pornografie und dem Glücksspiel).

Das Gedächtnis aus der Maschine

Der Technologe Vannevar Bush erkannte im Wissenschaftsbetrieb eine zunehmende Spezialisierung innerhalb der Disziplinen. Dies mache eine Vernetzung ebendieser notwendig, durch die Vertiefung der Expertisebereiche werde diese aber auch schwieriger.

In seinem epochalen Essay "As We May Think" schreibt er 1947:

"The difficulty seems to be, not so much that we publish unduly in view of the extent and variet of present day interests, but rather that publication has been extended far beyond our present ability to make real use of the record."

Er erkannte, dass es sogar innerhalb der eigenen Disziplin schwieriger wird, auf dem Laufenden zu bleiben. Er sah die Lösung in der Zuhilfenahme von technischen Mitteln. Bisher habe die Wissenschaft im Allgemeinen sowie Technologie im Besonderen dem Menschen geholfen, Materie zu beherrschen. Bush meinte, die Zeit sei reif für Technologie, die den Geist unterstützt. Durch die industrielle Massenfertigung werde technologisches Werkzeug - auch Rechenmaschinen - kostengünstiger hergestellt und somit für mehr Menschen zugänglich.

Deshalb sollte es eine Maschine geben, die es dem Menschen ermöglicht, mit der Informationsflut fertig zu werden. Er sieht die Gesamtheit aller Erkenntnisse einer Wissenschaft als "body of record", in dessen flexiblen Kontext sich er Wissenschaftler bewegt und ihn auch erweitert.

"A record if it is to be useful to science, must be coninuously extended, it must be stored, and above all it must be consulted."

Vannevar Bush zeichnet die Idealvorstellung des Wissenschaftlers, der seine Beobachtungen und Gedankengänge während der Arbeit maschinell aufzeichnen lässt und diese zu einem späteren Zeitpunkt abruft und auswertet. Danach würde der hypothetische Wissenschaftler seine Schlüsse mit dem bestehenden Stand der Forschung vergleichen, gegebenenfalls abändern und in den "body of common record" einfügen.

Um dem Idealwissenschaftler die Arbeit zu erleichtern, extrapoliert Bush vorhandene - allerdings nur analoge - Technologien. Folgende Technologien sieht er als geeignet für die Integration in sein theoretisches Gerät:

Die Summe dieser Technologien formulierte Vannevar Bush als zentrale Idee in seinem Essay "As We May Think". Er nannte dieses Gerät den "Memex" (Memory Extender). Dieses theoretische Proto-Hypertext-System konnte zwar nicht rechnen und wies keine digitale Technik auf, verfügte aber trotzdem über einige Züge des heutigen Computers.

In seinem Essay beschreibt Bush das Gerät als elektronisch verlinkte Bibliothek, die sowohl Bücher als auch Filme abrufen kann und diese mit Verweisen (Links, References) miteinander in Kontext stellt. Diese Verweise sind nicht nur nach vorgegebenen formalen Gemeinsamkeiten gegeben (z.B. Datum, Thema, Author usw.) sondern können vom Bediener selbst betimmt werden. So kann das Wissen nach Interessen und Denkmustern des Users geordnet und verlinkt werden.

Die Ähnichkeiten mit heutigen Desktop-PC's sind sowohl optischer Natur, der Memex ist ein Schreibtisch mit Tastatur und einem bildschirmähnlichen Mikrofilm-Projektor. Aber auch der Nutzen entspricht jenem, den wir vom heutigen Rechner als Datenbank gewohnt sind. Technisch haben PC und Memex nur wenige Gemeinsamkeiten, da die Technologie zum damaligen Zeitpunkt noch nicht erfunden oder fortgeschritten genug war.

Wie der heutige PC wäre der Memex mehr als ein einfaches Darstellungsgerät, es sollte ein persönlicher Speicher aller interessanten Dokumente, Filme und Tonaufzeichnungen werden, die der Nutzer eingibt.

Weiters würde der Memex über Möglichkeiten erfügen, die auch heutzutage nicht reibungslos umsetzbar sind z.B. Spracherkennung. Oder Möglichkeiten, die technisch zwar machbar sind aber nicht praktikabel oder nützlich, z.B. Kameras, die auf dem Kopf eines Benutzers montiert sind und alles aufzeichnen, was dieser in einem Arbeitsgang macht.

Soweit zu den "Hardware"-Ähnlichkeiten. Der Unterschied zum heutigen Hypertext-Paradigma in der Software ist, dass die Links keine Wörter innerhalb eines Textes darstellen, die zu weiterführenden oder vertiefenden Inhalten führen. Vielmehr sollten ganze Dokumente in einen gemeinsamen Kontext gebracht werden, indem sie als ganzes miteinander verlinkt werden.

Durch eine derartige assoziative Anordnung umgeht die Information einer rein formalistischen Ordnung, die mit dem eigentlichen Inhalt rein gar nichts zu tun hat. Dies wäre im Falle einer alphabetischen Reihenfolge gegeben, wo der biblische "Adam" neben dem Ökonomen John Adams steht und nicht neben der biblischen "Eva", wie es die Assoziation erfordern könnte.

Diese assoziativen Pfade (associative trails) könnten mit Hilfe des Memex aufgezeichnet und auch visualisiert werden. Sie könnten vervielfältigt und verändert werden, als flexible und immer abrufbare Gedankengänge.

So theoretisch die Idee des Memex auch sein mochte, hat Bush Technologie als Erweiterung des menschlichen Verstandes betrachtet und somit "Intelligence Augmentation" vorweggenommen. Dies wurde Jahrzehnte später von J.C.R. Licklider aufgegriffen. Auch die Verlinkung von Dokumenten fand seine Entsprechung in Ted Nelsons Arbeit an Hypertext. Heutzutage ist der Computer mehr als nur ein "Extender" des Gedächtnisses, sondern rechnet für uns, visualisiert für uns und erweitert unsere Fähigkeiten zwar anders aber auch auf wesentlich vielfälitiger Weise als in "As We May Think" beschrieben.

Getrennt durch gemeinsame Ideen

Obwohl die beiden Theoretiker ein halbes Jahrhundert voneinander trennt, weisen ihre Ideen eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf. Tatsächlich gibt es auch viele Bereiche, in denen sich ihre Ideen gegenseitig ergänzen.

Sowohl Paul Otlet als auch Vannevar Bush lösen die Information vom Trägermedium Buch. Es kommt auf den Inhalt an und nicht auf das Medium. Zudem lösen beide das Wissen von der reinen Schrift und weiten es auch auf Audio- und Videoinformationen aus. Somit vollziehen sie einen wichtigen Schritt weg von der Buchkultur.

Das zur damaligen Zeit fortgeschrittenste Arhivmedium war der Mikrofilm. In Otlets Mundaneum sollte das Weltwissen auf Mikromfilme gebannt platzsparend gelagert werden und auf Projektionsgeräten angesehen werden.

Diese Geräte weisen enorme Parallelen zu Bushs Memex auf. Sie stellen nicht nur die Mikrofilme auf einer bildschirmartigen Vorrichtung dar, sondern auch Ton- und Bildaufnahmen. Das ist Multimedia der ersten Stunde.

Der Memex verfügt zudem noch über eigene "Contenterstellungsmöglichkeiten". Man sollte darauf auch seine eigenen Inhalte abfassen und - viel wichtiger - die abgerufene Information nach eigenen Kriterien ordenen und verlinken.

Der größte Unterschied zwischen den beiden Systemen ist die Suche nach Infomationen. Diese Suchmöglichkeit ist bei Otlet ein zentrales Thema. Die gesamte Infrastruktur um das Wissen sollte die Suche nach Fakten und Dokumenten erleichtern. Otlet nahm somit die "Tags" und "Metadata" vorweg. Gleich ob sich eine Eintragung direkt vor Ort im Mundaneum erhältlich war oder an einem gänzlich anderen Ort, die Information sollte anhand ihrer Verweise auffindbar sein.

Dies fehlt bei Bushs Memex gänzlich. Seine Links sind nur Spuren im Gedankengang und der Memex bietet keine Möglichkeit nach bestimmten Informationen zu suchen. Die theoretische Maschine sollte weder über eine Art von Metadaten noch eine Anbindung an ein Klassifikationssystem wie bei Otlet. Stattdessen wurde erwartet, dass der Anwender bei einer neuen Eintragung (z.B. ein neues Manuskript oder Bild) seine eigenen personlichen Index in einem Codebuch führt. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte er dann im Codebuch nachschlagen, um die Einträge wiederzufinden. Im Vergleich zu Otlet ein gewaltiger Rückschritt!

Zudem ist jener Teil des Memex, der zur Darstellung von Mikrofilmen nicht einmal eine gänzlich originelle Idee Bushs. So hat Leonard Townsend bereits im Jahre 1938 eine auf Mikrofilm basierende Workstation vorgeschlagen. Zudem hat Emmanuel Goldberg 1931 einen Projektor/Selektor patentiert, der ebenfalls Mikrofilme elektronisch darstellt.

Beide Visionäre machen sich Gedanken, wie Information vernetzt werden kann. Beide wissen, dass die Daten abrufbar gemacht werden müssen, nicht um bei ihrer Veröffentlichung gelesen zu werden, sondern um auf sie im Bedarfsfall zugreifen zu können.

Es ist eine Ironie der Geschihte, dass Otlet stets von Privatgeldern abhängig war, aber die Rolle des Staates in der Informationsverarbeitung propagierte. Bush hingegen, der stets von staatlichen (z.B. militärischen und universitären) Geldern finanziert wurde, sah die Stärke in der individuellen Informationverarbeiung.

Otlet sieht eine intra-staatliche, zentralisierte Struktur als Mittel, Bush hingegen die eigentliche technologische Anwendung in Form einer Maschine. Beide führen direkt zur "Intelligence Augmentation".

Zurück in die Zukunft

Otlets Visonen waren aus vielerlei Gründen zum scheitern verurteilt. Die Größe des Vorhabens war sicher genauso ein Hindernis wie der Unwillen des Staates das Projekt im nötigen Ausmaß zu unterstützen. Die beiden Weltkriege ließen dann Projekte derartigem Umfangs ihre Priorität verlieren. Letzlich ist aber die größte Hürde die Gebundenheit an den physischen Ort. Glücklicherweise transzendiert die Idee die Grenzen des Physikalischen.

Bushs Memex stellt als theoretisches Modell eine interessante Bereicherung dar. Es hatte in der Umsetzung aber frapante Unzulänglichkeiten.

Das heutige Web ist in vielem eine Entsprechung der Ideen von Otlet und Bush. In manchen Bereichen greift das heutige WWW jedoch viel zu kurz. Es fehlt an einer zentralen Dokumentation, wie sie Paul Otlet vorgeschlagen hatte. Die Umsetzung seiner Konzepte würde zu einem Rahmen führen, der uns erlauben könnte die Vielfalt an Information im Web zu analysieren und besser auszuwerten. Dann könnten wir daraus wesentlih effektiver Informationen abrufen und neues Wissen erzeugen.

Vannevar Bushs Ideen der Gedächtnis-Erweiterung haben sich auf Bereiche ausgedehnt, die gar nicht vorgesehen waren. Menschen können heutzutage immer weniger Rechnen oder rechtschreiben, weil der Computer ihnen diese Arbeiten abnimmt. Auch müssen große Mengen an informationen nicht mehr ins Gedächtnis gestopft werden. Es reicht zu wissen, wo Daten zu finden sind und nicht, was sie im Detail enthalten. Die augmentierte Intelligenz verliert in manchen Bereichen, weil sie nicht mehr trainiert wird.

Beide Forscher hätten aber niemals vorhersagen können, das ein Projekt wie beispielsweise Wikipedia, das viele Gemeinsamkeiten mit ihren Ideen hat, in erster Linie als Quelle vollig unwissenschaftlicher Information dient. Immerhin ist der Wikipedia-Eintrag über die Laserschwerter der Jedi-Ritter aus "Star Wars", länger als jener der historischen Ritter der Kreuzzüge. Das ist der Sieg des Imaginaren über die Wahrheit.

Separator line

Weiterführende Links:

Separator line

blog comments powered by Disqus
Weitersagen

Andere Blog-Themen: