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Trail-Blazer am Frontier der Information

Eine kommentierte Zusammenfassung von Vannevar Bushs
"Wie wir denken werden"

Marin Balabanov, Juni 2008

Im Jahr 1945 veröffentlichte der US-Ingenieur Vannevar Bush sein Essay "Wie wir denken werden" (Bush, Vannevar. "As We May Think." Atlantic Monthly 176.1, Juli 1945: 101-108.). Bush war seines zeichens Pionier im Analogrechner-Bereich und gilt als einer der Begründer des militärisch-industriellen Komplexes. Sein Essay "As We May Think" behandelt die Möglichkeiten der maschinellen Speicherung und des Abrufens von Wissen. Darin entwirft Bush teils detailliert, teils in Grundzügen, ein Modell der Wissensverarbeitung, das eine Abkehr vom Buchwissen bedeutet. Bush skizziert ein theoretisches Gerät namens Memex, in dem Text-, Bild und Ton-Inhalte miteinander assoziativ verknüpft sind. In dieser kritischen Auseinandersetzung mit Bushs Text werden die Kernpunkte zusammengefasst, von Exzerpten begleitet und mit Erklärungen ergänzt. Für diese Analyse wurde die deutsche Übersetzung von Susanne Noack herangezogen.

Diskontinuität in der Wissensverarbeitung

Vannevar Bush identifiziert das Problem der Diskontinuität: die Werkzeuge der Wissensproduktion seien schneller fortgeschritten als jene der Wissensverarbeitung. Der prototypische Wissenschaftler sei mit einer schier unüberschaubaren Menge an generiertem Wissen konfrontiert, und er wisse nicht, wie er es abrufen soll. Ein halbes Jahrhundert vor der Entstehung des ersten kommerziellen Webbrowsers "Netscape Navigator", fand Bush eine Metapher aus der Schifffahrt und skizzierte somit die Idee der räumlich navigierbaren Information: "Die Summe menschlicher Erfahrungen erweitert sich mit ungeheurer Geschwindigkeit, doch die Art und Weise, wie wir das entstehende Labyrinth durchwandern, um zu den eigentlich wichtigen Dingen zu gelangen, ist noch die gleiche wie zu Zeiten des Rahseglers."

Frontier

Als Lösung für diese Problematik schlug Bush eine Art von informationellem Schnellboot vor. Dieses Gerät sollte eine Mischung aus Mikrofiche-Archiv und Computer sein und große Mengen an Text-, Bild- und Ton-Informationen speichern, die der Benutzer nach seinen eigenen assoziativen Kriterien verknüpfen könnte. Das Gerät sollte durch seine Funktionalität unser Gedächtnis erweitern, deshalb nannte er es "Memory Extender" - kurz "Memex".

Dieses vordigitale Gerät könnte zurecht als erste Manifestation der Idee eines Computers gelten, der sich in seiner Bedienung und Strukturierung der gespeicherten Information am Anwender orientiert und nicht vice versa (wie dies bis Ende der 1970er-Jahre bei Großrechnern der Fall war).

Verkettung als Grundlage des Wissens

Bush verwendete tatsächlich den Begriff "link", der später zum Grundbaustein des Hypertext werden sollte. Trotzdem wäre es verfehlt Bush als Urheber des Hypertexts anzupreisen. Die Verknüpfung der Information sollte zwar durch Assoziationen bewerkstelligt werden, diese "Pfade" (engl. Trails) sind aber weit gröber als die punktuell-detaillierte Verknüpfung der späteren "Links". Auf den ersten Blick ähneln diese Pfade den modernen Links. Ganze Informationsblöcke sollten miteinander verkettet werden z.B. ein wissenschaftlicher Artikel sei als ganzes mit einer Bildinformation assoziiert. Während die 1945 noch vorherrschende Dewey Decimal Classification Information streng, hierarchisch und unflexibel organisierte, sollten Pfade als Verbindungsglied zwischen verschiedenen Informationseinheiten dienen, eine Art Häkelgarn, der Dokumente semantisch verbindet.

Im Dewey'sche System war Information noch an ihren physischen Ursprung der Niederschrift gebunden, dem Buch. Sie war an einen physischen Ort (der Bibliothek) nach bestimmten Kategorien organisiert.

Bush löste den Inhalt des Buches, den eigentlichen Text, von seinem Trägermedium. Damit gesteht er den Inhalten einen Wert zu, der weit über die Summe der Einzelteile geht. Der Memex sieht die Welt nicht wie ein Bibliothekar, als endlose Serie von Posten, die ins "richtige" Fach einsortiert sind, sondern als lebendige und betont unvollständige Kette der Zusammenhänge, Assoziationen und Verfilzungen.

Während das Buch als Träger des Wissens eine Endgültigkeit darstellt, beschwört Bush die Unvollständigkeit und Abrufbarkeit der Information:

"Aufzeichnungen müssen, wenn sie für die Wissenschaft nützlich sein sollen, jederzeit erweiterbar sein, sie müssen aufbewahrt werden, vor allem aber müssen sie zugänglich sein."

In der englischen Fassung seines Textes verwendet Bush den Begriff "Trail", um die romantische Parallele zwischen dem Benutzer eines Memex zum "Trail Blazer" herzustellen, diesem Pionier der Eroberung des amerikanischen Westens. Die "Trail Blazers" haben den "New Frontier" erobert. Nachdem der Mensch die ganze Welt entdeckt und entzaubert habe, sei der eigentlich neue "Frontier" die Suche nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Diese solle durch den Memex nicht nur beschleunigt werden, sondern ganz neue Dimensionen erreichen.

Interessanterweise sahen sich in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gerade Hacker, Computeroperator und Programmierer als "Trail Blazer" am "Cyber-Frontier" (z.B. "Homesteading the Noosphere" aus Raymond, Eric S. "The Cathedral & the Bazaar. Musings on Linux and Open Source by an Accidental Revolutionary." O'Reilly & Associates, 2001).

Die versprochene Zukunft

Bushs Versprechen dieser "information-at-your-fingertips" funktioniert natürlich besser als theoretisches Modell auf dem Papier als in der praktischen Anwendung. Diese Lücke ist allerdings verzeihbar, da der Memex als eine Art ultimatives "Vaporware" anzusehen ist. Er nimmt viel von dem vorweg, was später im digitalen Zeitalter tatsächlich umgesetzt wurde, ist für sich genommen aber unzulänglich und unpraktikabel. Er ist an die damals gängige Technologie gebunden. Bush beschreibt Mikrofilme für Texte und Wachstrommeln für Tonaufnahmen. Dies alles sind Techniken, die durch das digitale Dokument heutzutage obsolet geworden sind.

Wenn allerdings ein Teil von Bushs Vision das heutige Web vorweg nimmt, dann wird dieses von einem anderen Teil bei weitem übertroffen. Trotz der großen Fortschritte der letzten Jahrzehnte bleibt eine Eigenschaft des Memex den heutigen Webbrowsern verwehrt:

"Nehmen wir einmal an, der Besitzer des Memex interessiere sich für Ursprung und Eigenschaften von Pfeil und Bogen. ... Er hat Dutzende von Büchern und Artikeln in seinem Memex gespeichert, die für dieses Thema relevant sein könnten. Zunächst blättert er in seiner Enzyklopädie, findet einen interessanten, aber skizzenhaften Eintrag und lässt ihn projiziert stehen. Als nächstes findet er in einem historischen Werk einen weiteren wichtigen Eintrag und verbindet die beiden miteinander. Auf diese Weise baut er einen Pfad mit diversen Einträgen auf. Hin und wieder fügt er einen eigenen Kommentar hinzu, verbindet ihn entweder mit dem Hauptpfad oder verknüpft ihn über einen Seitenpfad mit einem bestimmten anderen Eintrag. Wenn deutlich wird, dass die Elastizität der verfügbaren Materialien einen großen Einfluss auf den Bogen hat, erstellt Seitenpfad, der ihn durch Fachliteratur über Elastizität und Tabellen konstanter Größen führt. Er fügt eine Seite mit seiner eigenen handschriftlichen Analyse hinzu. So erstellt er einen Pfad, der seinem Interesse entsprechend durch das Labyrinth des zur Verfügung stehenden Materials führt."

Die Unterschiede zur reinen Web-basierten Recherche sind offenkundig. Bushs Memex konstruiert tatsächlich einen Pfad der Interessen, während der Benutzer Information erforscht. Währenddessen folgen Websurfer vordefinierten Links, die von der Willkür anderer abhängen. Der Memex-nutzende "Trail Blazer" erzeugt seine eigenen Links. Und wichtiger: diese Pfade haben Bestand. Sie verbleiben im Speicher des Memex. Das Prinzip des Bogens und jenes der Elastizität sind nicht nur im Moment verknüpft, um nach Verlassen des Browsers verloren zu gehen. Vielmehr bleiben diese zwei Informationseinheiten miteinander verbunden, um auch Jahre später in anderen Zusammenhängen wieder aufzutauchen. Diese Akkumulation der Pfade führt dazu, dass das Gerät allmählich immer "klüger" wird, je mehr und öfter es eingesetzt wird.

Bush entwirft den Memex als Gerät, das Information auf die intuitivst mögliche Weise organisiert - nicht in Kategorien, Aktenschränken und Fächern, sondern so wie wir denken. Wir verfolgen Vermutungen, stellen Verbindungen dar, bauen unsere Gedankengänge auf. Bush wollte, dass der Memex sich der Weltsicht des Anwenders anpasst. Pfade würden sich durch Dokumente weben, jeder auf völlig verschiedene eigenwillige Weise den Informationsraum kartografieren, so wie es der einzelne Anwender bevorzugt. Keine zwei Pfade würden einander ähnlich sein.

Mit dem Web ist viel von Bushs Vision realisiert worden. Doch die Grundeinsicht, die Notwendigkeit der individuellen Pfaderstellung, bleibt unerfüllt. Das Web sollte die Möglichkeit bieten, neue Beziehungen zu erkennen, Dinge miteinander zu verbinden, die bisher getrennt blieben. Die Links anderer Leute anwählen mag um einiges interaktiver sein, als von einem Fernsehkanal zum anderen zu schalten oder sich unterschiedliche Bücher aus der Bibliothek auszuleihen, der eigentliche Lernprozess beginnt aber in der eigenständigen Verkettung einzelner Informationen.

Denn Information wird nur dann zu konkretem Wissen, wenn sie von einem Menschen verstanden wird.

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Ich schreibe auch auf Twitter unter: twitter.com/secretwars. Zudem habe zwei kleine Comic-Blogs: 80ies Comics are the Best! und Snikt! The Comics of the Nineties

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