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Apple App-Store vs. Microsoft Marketplace

Wie Microsoft Apple mit einem eigenen App-Store zuvorkam

Marin Balabanov, 15. März 2010

Als Apple vor zwei Jahren den iPhone App-Store vorgestellt hat, über den nun als einzige Software-Quelle für das neue Smartphone Programme vertrieben werden konnten, hat mir ein Arbeitskollege gesagt: "Stell Dir vor, Microsoft hätte das gemacht. Das hätte zu einem richtigen Aufschrei geführt!" Grundtenor dieser Aussage war, dass die IT-Öffentlichkeit alles goutiert, was Apple vorstellt, gleich wie restriktiv es sein mag. Das könne sich Microsoft auf keinen Fall leisten, weil viele den Software-Hersteller als böse betrachten.

Apple App-Store vs. Microsoft Marketplace - Wie Microsoft Apple mit einem eigenen App-Store zuvorkamDamals war ich zu sehr geblendet, um dem zu widersprechen, doch allmählich hab ich erkannt, dass Microsoft nicht nur ebenfalls dieses Vertriebsmodell gewählt hat, sondern dieses auch noch um mindestens zwei Jahre vor Apple vorgestellt hatte.

Eine Einschränkung zu dieser Aussage ist mir sofort eingefallen. Immerhin vertreibt Apple nur für iPhone und iPod Touch Software über den App-Store. Der Mac ist genauso wie der Windows-PC offen für Programme aus jedem Vertriebskanal.

Bereits 2006 hat Microsoft für die damals einzige Hardware, die das Unternehmen (außer Mäuse und Tastaturen) herstellt, die XBox 360, den sperrig benannten "XBox Live Arcade Marketplace" vorgestellt.

Credit where Credit is due

In diesem Online-Shop können Anwender Spiele von Drittentwicklern kaufen oder Demoversionen runterladen. Zudem kann man mittlerweile auch Musik kaufen und Spielfilme entlehnen. Die Bezahlung erfolgt, anders als im App-Store von Apple, nicht unmittelbar mit der Kreditkarte. Vielmehr sind die Preise der Spiele, Songs und Spielfilme in Microsoft Credits angegeben, welche zu von Land zu Land unterschiedlichen Preisen erworben werden können (als Gutscheine im Einzelhandel oder online mit der Kreditkarte).

Somit ist das Microsoft-Modell noch restriktiver. Es ist nicht nur regional beschränkt, nicht einmal die Produktpreise sind international standardisiert.

Machen wir einen kleinen Vergleich zwischen dem App-Store von Apple und des Microsoft XBox Live Arcade Marketplace.

Quelle allen Grübelns

Was sind die Merkmale des App-Store und der iPhone-Anwendungen?

  1. Apple erlaubt es nur lizensierten Entwicklern, Software zu entwickeln.
  2. Apple verdient an jedem Verkauf.
  3. Apple ist der einzige Kanal, über den die Software legal zu beziehen ist.
  4. Apple kann Software auch ablehnen.
  5. Apple hat die Kontrolle sowohl über die Hardware als auch das Betriebssystem und die Benutzeroberfläche des Gerätes.

Das sieht doch sehr restriktiv aus. Könnte es daran liegen, dass wir als Anwender das offene, flexible und multi-funktionale Modell des PCs und des Macs (also von "richtigen" Computern) gewöhnt sind?

Dabei ist ein ähnliches Modell bereits seit Mitte der Achziger Jahre bei Videospiele-Konsole "standard operating procedure". Nintendo hat seit dem Nintendo Entertainment System (Famicom in Japan) und dem Gameboy folgende restriktive Vertriebsbedingungen:

  1. Nintendo erlaubt es nur Lizenznehmern, Software zu entwickeln.
  2. Nintendo verdient an jedem Verkauf.
  3. Da die Spiele auf Datenträgern physisch im Einzelhandel vertrieben werden, ist Nintendo nicht der einzige Kanal, über den die Software zu beziehen ist.
  4. Nintendo kann Software auch ablehnen.
  5. Nintendo hat die Kontrolle sowohl über die Hardware als auch das Betriebssystem und die Benutzeroberfläche des Gerätes.

Microsoft's next Top-Model

Genau dieses Modell haben andere Konsolenhersteller übernommen. Sowohl Sega beim Master-System und Megadrive (Genesis in den USA) als auch später Microsoft bei der Ur-XBox. Mittlerweile stellt Sega natürlich keine Konsolen mehr her und ist selbst zum lizensierten Spieleentwickler geschrumpft, der für andere Systeme entwickelt.

Microsoft ging bereits mit der ersten XBox einen Schritt weiter. Mit dem Online-Service "XBox Live" konnten Spieler online gegen- oder miteinanderspielen. Anfangs konnten sie sich noch gratis registrieren, nach Beendigung der Beta-Phase war ein geringer jährlicher Betrag für die Nutzung zu entrichten.

Erst 2006 stellte Microsoft für die neue XBox 360 den Marketplace vor - ganze zwei Jahre vor Apples App-Store.

Spiele über XBox Live Arcade Marketplace (XBLA) für XBox 360 (seit 2006)

  1. Microsoft erlaubt es nur Lizenznehmern, Software zu entwickeln.
  2. Microsoft verdient an jedem Verkauf.
  3. Microsoft ist der einzige Kanal, über den die Software zu beziehen ist.
  4. Microsoft kann Software auch ablehnen.
  5. Microsoft hat die Kontrolle sowohl über die Hardware als auch das Betriebssystem und die Benutzeroberfläche des Gerätes.

Also von meiner Warte aus, sehe ich keinen Unterschied zum App-Store von Apple. Obwohl Microsoft den XBLA Marketplace viel früher als Apple einführte, blieb ein möglicher Aufschrei bis auf wenige Ausnahmen aus. Das lag wahrscheinlich daran, dass das Vertriebsmodell eine logische (online) Weiterentwicklung des bestehenden und bewährten Videospiele-Vertriebsmodells ist.

XBLA-Entwickler regen sich genauso oft oder wenig auf wie iPhone-Entwickler. So musste der Indie-Developer von "Darwinia" sein von Microsoft abgelehntes Spiel mehrmals einreichen, bis Microsoft den Vertrieb über XBLA zuließ. Ungereimtheiten, die auch beim iPhone App-Store vorkommen.

Ein Frage der Perspektive

Ein Argument gegen diesen Vergleich könnte freilich lauten, dass doch die XBox 360 "nur" ein Videospiel sei. Das stimmt zwar, ist aber auch gleichzeitig Auslegungssache. Die Hardware der XBox 360 braucht sich keinesfalls hinter jener eines "richtigen" PC zu verstecken. Zwar sind darin eine Vielzahl von Spezialchips verbaut, die Grundarchitektur gleicht aber jener eines Standrechners. BIOS, Multicore-Prozessor, Hauptspeicher, IO-Geräte und Festplatte (die zwar grundsätzlich optional ist, für XBLA aber vorausgesetzt wird).

Pikanterweise besteht die ursprüngliche XBox (auf der man nicht XBLA nutzen kann) sogar aus nichts anderem als Standard-PC-Bauteile.

Der Unterschied zwischen der XBox 360 und einem Windows-Rechner oder einem Mac ist genau die restriktive Natur der Anwendungen, die hier hauptsächlich aus Spielen bestehen (mit nur wenigen Ausnahmen z.B. Facebook- und Twitter-Clients).

Wenn man wirklich gemein sein wollte, könnte man sogar behaupten, dass Microsoft somit sogar noch restriktiver ist als Apple. Wer will aber schon zu Microsoft gemein sein?

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Ich schreibe auch auf Twitter unter: twitter.com/secretwars. Zudem habe ich zwei kleine Comic-Blogs: 80ies Comics are the Best! und Snikt! The Comics of the Nineties

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