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Micro Heroes - Die Verpixelung des Superhelden

Teil 3: Die Rückkehr der Pixel-Ritter

Marin Balabanov, März 2010

Richtige Comic-Fans sind voller Leidenschaft für ihre Lieblingsfiguren. Sie gestalten ihre eigenen Fanzines und Fan-Fiction. Einige Fans begannen die vielfältige Geschichte der Figuren mit den unterschiedlichen Kostümen als Micro Heroes aufzuzeichnen. Wie entstanden die Micro-Heroes? Und wie tragen Pixelart-Fans zur Rettung und Archivierung alter Marvel-Helden bei?

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Anmerkung: Sämtliche Rechte an den besprochenen Figuren liegen bei den entsprechenden Rechte-Inhabern Marvel bzw. DC Comics.

Nachdem in Teil 1: “Heldendämmering” auf Superhelden-Comics als Produkt für einen Nichen-Markt eingegangen wurde und in Teil 2: “Der Aufstand der Fans” die erstaunliche Leidenschaft der Comic-Fans beschrieben wurde. Kommen wir nun zu den eigentlichen Micro Heroes.

Micro-Heroes: kleine Helden

Spider-Man als Pixelart - MicroheroesBasierend auf der Idee der ausschneidbaren Kostümpuppen “Dollz” entstanden die Micro Heroes. Darunter versteht man einfache Pixelzeichnungen von Comic-Figuren, die in einem bestimmten Comic-Stil gezeichnet sind. Sie werden als GIFs abgespeichert und können somit mit jedem beliebigen Browser betrachtet werden.

Hier Überlappen sich drei Affinitätsgruppen: Comic-Fans, “Dollz”-Fans und Fans von “Pixel Art”. Die Figuren entstehen mit einfachen Pixel-Zeichenprogrammen z.B. “Microsoft Paintbrush”, “Deluxe Paint” oder “Mac Paint”. Sie entstehen in einem kollaborativen Schaffensprozess. Dabei hat ein Kern von Fans Templates geschaffen, Schablonen des menschlichen Körpers in Pixelform. Andere Fans zeichnen dann auf diesen Templates die Kostüme der Figuren.

Das Datei-Format GIF ist derartig weit verbreitet, dass technisch gesehen jeder daran arbeiten kann. Sogar Computer aus den späten 80er-Jahren sind dazu in der Lage, GIFs zu verarbeiten.

Die Fans, die sich mit Micro Heroes befassen sind in der Regel zwischen 25 und 35. Sie gehören jener Generation an, die von Marvel Comics der 80er-Jahre geprägt ist und auch eine Vorliebe für Pixelgrafiken hat.

Diese heutzutage archaisch erscheinende Kunstform steht im Widerspruch zu den aalglatten 3D-Renderings, die bei Video-Spielen und Film-Spezialeffekten angewendet werden. Sie sind bewusst mit einer eingeschränkten Farbpalette gezeichnet und machen keine Anstalten, den “Treppeneffekt”, den Pixelgrafiken aufweisen, durch Farbverläufe (“anti-aliasing”) zu verschleiern.

Sie sind ein kleines Stückchen Vergangenheit, das in einer Zeitblase des Web erhalten geblieben ist. Der Stil der Figuren mit ihren großen Köpfen und idealisierten Körpern entspricht dem Manga-Zeichenstil “super deformed”. Dabei werden Figuren in dieser Art von japanischen Comics nicht naturalistisch mit korrekten Proportionen dargestellt. Somit findet hier eine Überschneidung mit der Affinitätsgruppe der Fans von “super deformed artwork”. Fans können nun einen einheitlich gestalteten, kolaborativen Katalog aller Kostüme ihrer Lieblingshelden zusammenstellen.

Die ersten Micro Heroes basierten auf einer Template von storTrooper

Die ersten Micro Heroes basierten auf einer Template, die geistiges Eigentum von storTrooper war. Als das Unternehmen mit rechtlichen Schritten drohte, bastelten Fans ihre eigenen, besseren Templates
(Bild: Yahoo Groups - Microheroes)

Turbulente Micro-Geschichte

Die ursprünglichen Micro Heroes wurden vom Geek namens Donar gestaltet (vgl. Wikipedia-Eintrag über “Micro Heroes”). Hinter diesem Namen verbirgt sich Gavan Christensen.

Die ersten Figuren basierten auf einer Template des Unternehmens storTroopers. Diese Schablone wurde an sich für die Gestaltung von Avatars entwickelt. Doch die Fans zweckentfremdeten sie, um von nun an ihre Micro Heroes darauf basierend zu zeichnen.

Es entstand eine richtige Geek Culture um diese Figuren. Einige der Zeichner der erste Stunde sind: Donar (Carstensen), Torch (Rich Bellacera), Whirlwind, Michael Kaiser, Bobster (Robert Bradley), AG (Scott), 1401, Jay Phoenix, Archangel (Chris Lund), Erik!, OMike (Michael Bradley), Ralph Haring und Lightningstrike (Mike Berry).

Sie kommunizierten untereinander per Mail über Foren und in einer Yahoo-Group. Die fertigen Sätze von Micro Heroes stellten sie auf ihre eigenen Webseiten oder in kollaborative Geocities-Webspaces.

Die ursprünglichen Micro Heroes basierend auf den storTrooper-Avatar-Templates

Die storTrooper-Avatar-Templates bildeten die erste
Grundlage für Micro Heroes
(Bild: storTrooper.com
)

Geistiges Eigentum von Marvel Comics

Wie reagierte Marvel Comics auf diese Nutzung ihres geistigen Eigentums? Gar nicht! Marvel hat die Policy, dass Einzelwerke von Fankunst nicht-komerziell oder beschränkt komerziell produziert werden dürfen. Natürlich dürfen keine anderen Unternehmen nicht-lizensierte Produkte herstellen und vertreiben. Fans dürfen aber Fanzines vertreiben und auch Original-Zeichnungen mit Marvel-Charaktären auf eBay vertreiben. Diese Übereinkunft kann selbstverständlich von Marvel jederzeit geändert und im Einzelfall auch ausgesetzt werden. Die Fans konnte beruhigt sein, weil sie von Marvel Comics keine rechtlichen Schwierigkeiten erwarten konnten. Diese kamen von einer anderen Seite.

Kurz nach Auftreten der ersten kompletten Kostümsätze im Jahr 2001 beschloss storTrooper, der Urheber der Templates, den Fans mit rechtlichen Schritten zu drohen. Sie wollten von der Nutzung ihrer Templates profitieren. Die Fans ließen sich nicht auf Rechtsstreitigkeiten ein.

Sie beschlossen die ursprünglichen Figuren einzustampfen und das ganze Konzept neu zu erfinden.

Templates: Die Grundfigur im Stile des Zeichners John Byrne

Templates: Die Grundfigur im Stile des Zeichners John Byrne
(Bild: www.geocities.com/wickets_creations)

Micro Heroes: Generation 2

Der Micro Heroes-Zeichner Robert Bradley zeichnete völlig neue verbesserte Templates. Diesmal machte er sie komplexer und lehnte sie an den Zeichenstil bestehender Comic-Zeichner an. Dazu gehören die Comic-Legende Jack Kirby (erschuf das halbe Marvel-Universum) sowie die Star-Zeichner John Byrne und George Perez unter vielen anderen.

Anfangs nannte sich die Mailinglist der Gruppe “Lilguyz”. Dazu gehörten Bellacera, Bradley, Whirlwind, Rive (Rivelino Balelo), Urban, Brad Monje und Namor (Jeff Sequiera). Der ursprüngliche Zeichner Carstensen (Donar) verlor das Interesse. Die neuen Micro Heroes wurde von einer neuen Generation von Zeichnern bis zum heutigen Tage weitergeführt.

Spider-Man als Micro hero mit seinen verschiedenen Kostümvarianten

Spider-Man als Micro hero mit seinen verschiedenen Kostümvarianten
(Bild: jerome.galica.free.fr/)

Feedback loop

Comics werden zwar von Verlagen herausgebracht. Die Menschen, die Comics erschaffen, sind allerdings nur in den seltensten Fällen bei den Verlagen beschäftigt. Meistens sind sie Freelancer, die auf Werk-Basis (“work for hire”) bestimmte Aufgaben an den Serien übernehmen z.B. Entwurf (“breakdowns”), Reinzeichnung (“pencils”), Tusche (“inks”), die Handlung (“plot”) und die Dialoge (“script”). Marvel Comics gibt zwar genaue Richtlinien vor, die von den Redakteuren überwacht werden, trotzdem liegt es am Zeichner selbst, die visuelle Kontinuität mit der bisherigen Serie weiter zu führen.

Die Verlage senden den Freelancers Reproduktionen älterer Comics als Referenz, es liegt aber trotzdem am Zeichner selbst, die Recherche vorzunehmen.

Ein kontinuierlich gestalteter Katalog mit sämtlichen Spezifikationen und Variationen der Figuren ist ein arbeitsaufwändiges Projekt, das sich Marvel seit Anfang der 90er-Jahre mit der Einstellung des damaligen “Official Handbook to the Marvel Universe” nicht mehr antut. Erst 2006 genann Marvel wieder mit der Veröffentlichung eines neuen Handbuchs, das aber nicht so akribisch recherchiert ist wie früher. Da kommen Fanseiten mit einer derartig vollständigen Katalogisierung sämtlicher visueller Variationen der Figuren wie gerufen.

Official Handbook of the Marvel Universe

Die Erstauflage des "Official Handbook of the Marvel Universe" aus dem Jahr 1983
(Bild: Marvel Comics)

Freelancer nehmen die Micro Heroes als Kostümreferenz für Rückblenden in ihren Comics. Sie sehen dort auch unverzerrt durch den Stil jeweiliger Künstler vollständige Ausrüstungsgegenstände der Figuren.

So schreibt Comic-Veteran John Byrne, auf dessen Stil ironischerweise einige der Template basieren, in seinem Forum (www.byrnerobotics.com) die Micro Heroes oft. Er meint, er verwende sie als Referenzen für seine Arbeit. Manchmal ist es für ihn leichter auf den verschiedenen Micro Heroes-Sites nachzusehen, als seine eigenen Arbeiten auszugraben um ein altes Kostümdesign zu finden.

John Byrne ist nur einer von vielen Comiczeichnern, die mittlerweile Micro Heroes als Ersatz für redaktionelle Archivarbeit verwenden.

So fließt die Arbeit der Fans wieder in das Werk, von dem sie begeistert sind. Damit profitiert auch Marvel Comics indirekt von seiner Toleranz gegenüber der fanischen Verwertung seines Eigentums.

Ein Kreislauf der Kreativität schließt sich.

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In Teil 1 “Heldendämmerung”: Wer liest aber noch Comics? Und wie erfolgreich sind sie überhaupt?

In Teil 2 “Der Aufstand der Fans”: Wie leben Marvel-Fans ihre Begeistung aus? Was macht Marvel, um diese enge Zielgruppe, am Leben zu erhalten?

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Quellenverzeichnis:

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Ich schreibe auch auf Twitter unter: twitter.com/secretwars. Zudem habe ich zwei kleine Comic-Blogs: 80ies Comics are the Best! und Snikt! The Comics of the Nineties

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