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1. Von Apologien und der forschungsleitenden Frage

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“Good programmers know what to write. Great ones know what to rewrite (and reuse).”
Eric S. Raymond, “The Cathedral and the Bazaar”

In diesem Kapitel möchte ich meinen Forschungsfokus, die Methoden und die erzielten Schlüsse beschreiben. Vorher aber fühle ich mich zu einer Offenlegung gezwungen.

Ich bin begeisterter Apple-User. Ich besitze mehrere Mac-Rechner, einen iPod Mini und ein iPhone 3G. Ich nutze mit Vorliebe Mac OS X und vertraue im Zweifelsfall eher Apple-Software wie iLife, Final Cut oder iWork als Applikationen anderer Hersteller.

Trotzdem soll diese Arbeit keine Missionierung des “Glaubens an Apple und Mac OS X” sein. Ich möchte mich von meiner eigenen Befangenheit freisprechen, weil ich mich oft genug über Apple-Produkte ärgere, ihre teils willkürlichen Einschränkungen und Unzulänglichkeiten kenne. Zudem ist mir die irrationale Apple-Fangemeinde ziemlich peinlich.

Tatsächlich ist es das erklärte Ziel diese Arbeit, möglichst wenig vom vermeintlichen Messianismus, der Steve Jobs zugeschrieben wird, für bare Münze zu nehmen. Auch soll der Apple-Mythos zwar kurz abhandelt werden, aber den Leser nicht blenden lassen. Fakten sollen sprechen. Die Fakten, die das Betriebssystem Mac OS X in sich trägt.

Womit wir wieder beim Thema sind.

Apple 1997 = General Motors 2009

Warum hat Apple 1997 ein neues Betriebssystem gebraucht wie ein Verdurstender in der Wüste ein Glas Gatorade?

In diesem Jahr war die Ausgangslage für den Mac-Hersteller klar. Das Unternehmen verzeichnete rückläufige Hardware-Verkäufe. Microsoft Windows 95 war omnipräsent auf vergleichbaren Geräten zu einem Bruchteil des Apple-Preises. Zudem hatte der Software-Produzent aus Redmond mit Windows NT eine eindeutige und zukunftsträchtige Strategie, die ein leistungsfähiges, portables, netzorientiertes Betriebssystem versprach.

Die Windows-Intel-Koalition (salopp “Wintel” genannt) besaß den Vorteil der Economy of scale (Wirtschaftlichkeit durch Massenproduktion). Je mehr Geräte mit ähnlichen oder gleichen Komponenten verkauft werden konnten, desto günstiger war die Herstellung des einzelnen Produktes. Damit konnte Apple nicht mithalten.

Schrumpfender Marktanteil, überteuerte Produkte und verlorenes Vertrauen in die Entwicklung von Apples Software deuteten auf eine schwierige Zukunft oder sogar überhaupt keine Zukunft. Apple war belagert. Weit und breit standen keine staatlichen Hilfszahlungen bereit, wie sie die US-Autoindustrie 2009 am Höhepunkt der Wirtschaftskrise erhielt.

Das Unternehmen gab stattdessen Geld aus. Apple kaufte NeXT, um an die Betriebssystem-Technologie hinter NextStep zu gelangen. Der einzige Schönheitsfehler: NextStep lief auf allen möglichen Prozessoren, nur auf den von Apple eingesetzten PowerPC-Prozessoren nicht. Am allerbesten lief NextStep auf Intel-Prozessoren.

Apples versteckte Agenda

Somit ergibt sich folgende forschungsleitende Frage, die ich in dieser Arbeit zu beantworten versucht habe:

War Apples Umstieg von der PowerPC- auf die Intel-Architektur von Anfang der Mac OS X-Entwicklung geplant?

Ich gehe den Spuren nach, die Apples Entwickler selbst in den unterschiedlichen Betriebssystem-Versionen hinterlassen haben. Spuren, die eindeutig darauf hinweisen, dass der Intel-Umstieg keine bloß mögliche Alternative oder kurzfristige Notfall-Option war, sondern als eigentliches Ziel des Mac OS X-Umstieges von langer Hand geplant war.

Somit war das technologische Wettrüsten, der Umstieg von der "alten" Mac-Technologie, die auf dem "klassischen" Mac OS basierte, nicht mit der Einführung von Mac OS X (damals noch Puma) im Jahre 2001 vollzogen. Vielmehr ist dieser Umstieg (engl. "Transition") erst mit der siebenten Version des Mac OS X (10.6 Snow Leopard), die erst acht Jahre später erschienen ist, tatsächlich am Ziel angelangt.

Mit Snow Leopard, das nur noch auf Intel-Prozessoren läuft, wurden die letzten Spuren der klassischen Macintosh-Technologie sowohl im Betriebssystem als auch in der Hardware beseitigt.

Methodenbeschreibung: Die Wahl der Waffen

Bei der Auswahl der Forschungsmethoden für diese Arbeit habe ich auf zwei Faktoren geachtet: Machbarkeit und Zuverlässigkeit.

Meine erste Frage war, ob es mir möglich ist, eine bestimmte Methode überhaupt anzuwenden. Da disqualifizierten sich bereits die nahe liegende aber doch aufwändige Methode des Interviews. Es wäre logisch nach Cupertino, Kalifornien, zu fliegen, Gespräche mit Avi Tevanian (dem leitenden Softwarearchitekten des Mac OS X-Projektes), Phil Shiller (Apples Vicepresident for global Productmarketing) oder gar mit Apples Hohepriester Steve Jobs höchstpersönlich zu führen. Da könnte ich einfach danach fragen, ob sie bereits seit den späten 90er-Jahren vorhatten, die Mac-Plattform auf Intel umzustellen. Ich bräuchte ihre Antwort nur aufzeichnen, transkribieren, in meine Arbeit einfügen und - Voilá - ich hätte mein Ziel innerhalb kürzester Zeit erreicht.

Abgesehen davon, dass ich mir nicht vormachen sollte, jemals überhaupt eine "Audienz" zu bekommen, ist die Frage offen, wie zuverlässig diese Aussagen überhaupt wären. Auf ehrliche Weise - selbst im Nachhinein - über Unternehmensstrategien zu sprechen ist für Entscheidungsträger sehr schwierig. Ähnlich wie Siegermächte nach einem Krieg, sind sie in der Position, die Geschichte so zu schreiben, wie es ihnen passt. Ich käme somit wieder nicht zu den gewünschten Erkenntnissen.

Der zweite Faktor für meine Methodenauswahl ist die Zuverlässigkeit.

Aus ähnlichen Gründen kam für mich eine reine Literaturrecherche ebenfalls nicht in Frage. Apple betreibt als Unternehmen ausgezeichnete Öffentlichkeitsarbeit. Es wird von einer Aura der Legenden umgeben. Apple-Anwender werden als "Rebellen", als "Andersdenkende", als "jene, die sich trauen, die Welt zu verändern" dargestellt. Apple hat ein Paralleluniversum innerhalb der EDV-Berichterstattung geschaffen, das es schwer macht, wahre oder zumindest mit anderen PC-Anbietern anstandslos vergleichbare Aussagen zu treffen. Vor allem in den 90er-Jahren war die Berichterstattung über Apple (je nach Medium) entweder äußerst parteiisch oder sehr feindselig. Das Unternehmen wurde als letzte Bastion des Stils und der Innovation in einem Meer der grauen PC-Kisten (auch verächtlich DOSen genannt) betrachtet oder als träger "has been", dessen Blütezeit längst vorbei sei, der endlich die Geschäftstätigkeit einstellen und sämtliche Geldeinlagen seinen Aktionären zurückgeben sollte (wie es Michael Dell vom gleichnamigen PC-Riesen 1997 ausdrückte).

Somit konnte ich Medienberichterstattung zwar sehr wohl in meine Arbeit mit einbeziehen, als ernstzunehmende Quelle konnte sie nicht dienen. Ich fand sie interessant, aber sicher nicht zuverlässig. Einzig für den historischen Rückblick bezog ich mich auf Literaturquellen.

Auch Pressemeldungen und Veröffentlichungen von Apple selbst kamen nur im geringen Maß in Frage. Wie bei jeder anderen gewinnorientiert arbeitenden Gesellschaft dienen sie in erster Linie dem Verkauf von Produkten respektive in weiterer Folge der Gewinnoptimierung. Das machte Apples Pressemeldungen und Werbemittel ebenfalls höchstens auf kuriose Weise interessant aber zugleich wiederum unzuverlässig.

Die einzigen Veröffentlichungen von Apple, auf die ich mich stütze, sind die Entwickler-Dokumentation (Mac OS X Developer Guidelines), die online bereitstehen. Darin wird für Programmierer dokumentiert, wie sie für Mac OS X-Applikationen entwickeln können, welche Schnittstellen und Technologien zur Verfügung stehen und wie diese anzuwenden sind.

Zu allem Überfluss wird Steve Jobs ein schier übernatürliches Verkaufstalent nachgesagt. In Alan Deutschmanns Jobs-Biographie "The Second Coming of Steve Jobs" bezeichnete der Autor diese Fähigkeit als "Reality Distortion Field". Wenn Jobs es darauf ankommen ließ, ein Produkt oder eine Idee an seine Mitarbeiter, an Kunden, an Journalisten oder an Investoren zu verkaufen, veränderte er ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit auf Biegen und Brechen!

Somit kann man sich wieder nur bedingt auf biographische Informationen zur Person Steve Jobs stützen.

Wenn hier nun nicht mit den Menschen, die Mac OS X geschrieben haben, gesprochen werden kann und der Medienberichterstattung und den Veröffentlichungen des Unternehmens kein Glauben geschenkt werden kann, was sollte sonst übrig bleiben?

Hier wird in die Technologie selbst hineingeblickt. Mac OS X kann nicht lügen.

Betriebssystem-Archäologie

Vor allem eine langfristige Strategie, wie jene, der ich in dieser Arbeit auf die Spuren ging, muss in vielen kleinen Schritten umgesetzt werden. Sie baut auf einer Vielzahl von Bausteinen auf, die nach und nach gelegt werden müssen. Ich machte es mir zur Aufgabe in den unterschiedlichen Betriebssystemversionen zu kramen. Wie ich mir die Arbeit eines Archäologen vorstelle, pinselte ich die feinen Staubschichten der Grabungsstätte Mac OS X frei, um auf die Knochen eines unvollständigen Dinosaurierskeletts zu stoßen. So konnte ich mir ein Bild der Entwicklung machen.

Streng wissenschaftlich gesprochen habe ich mich der Methode der Inhaltsanalyse bedient. Als zu analysierende “Texte” dienten die einzelnen Versionen des Mac-Betriebssystems. Angefangen mit den “klassischen” Systemen der 80er- und 90er-Jahre (System 6, 7.5 und 9), über die ersten Entwickler-Versionen von Mac OS X (Mac OS X Server, DP3 und DP4) bis hin zu den veröffentlichten Releases der frühen 00er-Jahre bis zum heutigen Tag (Mac OS X 10.0 bis 10.6). Glücklicherweise verlegte Apple den Veröffentlichungstermin von Mac OS X 10.6 Snow Leopard von September auf August 2009 vor. So konnte ich auch diese Version in der vorliegenden Arbeit berücksichtigen.

Zwar ist mir keine lückenlose Antwort auf die Frage, ob der Umstieg von Anfang an geplant war gelungen. Die Indizienkette zeigt aber, dass Apple zumindest mit langer Vorlaufzeit, den Wechsel eingefädelt hat.

Auf meiner reichhaltigen Auswahl an Mac-Hardware installierte ich einen repräsentativen Querschnitt der Betriebssysteme und ging folgenden Fragen nach:

Als “Kollateral-Erkenntnisse” protokollierte ich viele der Entwicklungen auf der Ebene des User-Interfaces und der Systemarchitektur, die von historischer Relevanz sind. Somit möchte ich meine Methode auch als eine Art “elektronische Feldforschung” beschreiben.

Für alle, die es genau wissen wollen. Ich habe folgende Betriebssysteme auf folgender Hardware getestet.

Die Frage nach dem Grund...

All dies mag zwar eine nette Fleißaufgabe darstellen, allerdings stellt sich hier die Frage, wozu ich all das überhaupt gemacht habe. Welcher Nutzen hat diese Forschungstätigkeit?

Einerseits befindet sich technologische Entwicklung stets an der Schnittstelle zwischen Gegenwart und Zukunft, was eine geschichtliche Aufzeichnung schwierig macht. In der allgemeinen Wahrnehmung der herstellenden Unternehmen ist alte Technologie nicht nur tote Technologie sondern automatisch auch schlechte Technologie, die man eigentlich vergessen sollte. Technologiegeschichte ist aber ein Ankämpfen gegen dieses Vergessen. Ich bin der Meinung, je mehr Technologie in den Alltag der Menschen eindringt, desto mehr sollte ihre geschichtliche Entwicklung als Teil der Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte betrachtet und auch reflektiert werden.

Andererseits möchte ich mit der hier erzählten Geschichte aufzeigen, wie schwierig es ist, in einem reifen Umfeld ein neues Betriebssystem zu etablieren. Mit dem Kauf von NeXT hat Apple nicht nur ein fortschrittliches und praxiserprobtes Betriebssystem erworben, das Unternehmen konnte auch seine bestehenden Technologien adaptieren und weiter nutzen. Zudem nutzte Apple für einzelne Bereiche die Unterstützung der OpenSource-Comunity.

Nur durch diese Kombination an Anstrengungen konnte Mac OS X überhaupt aus dem Boden gestampft werden.

Die großen Schwierigkeiten, die der weltgrößte Softwarehersteller Microsoft mit der Entwicklung seines eigenen Betriebssystems Windows Vista (auch bekannt als Longhorn) hatte, zeigen, dass Betriebssysteme bereits eine derartige Komplexität erreicht haben, dass Neuentwicklungen bis knapp vor der Unmöglichkeit aufwändig sind.

Kapitelzusammenfassung

Der Computerhersteller Apple hat im Jahre 1997 den ehemaligen Hardware- und nunmehrigen Softwarehersteller NeXT aufgekauft. NeXT sollte in Form seines Betriebssystems NextStep (das auf Intel-Prozessoren lief) die Technologie für das neue Apple-Betriebssystem liefern.

2001 wurde die erste kommerziell erhältliche Version von Mac OS X für Macs mit PowerPC-Prozessoren vorgestellt. 2005 kündigte Apple an, nunmehr Rechner mit Intel-Prozessoren auszuliefern, Mac OS X sei parallel sowohl auf PowerPC als auch auf Intel-Prozessoren entwickelt worden.

Diese Arbeit beschreibt, Spuren im Betriebssystem darauf hindeuten, dass dieser Wechsel möglicherweise bereits von Anfang an geplant war.

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