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4. Die Raubkatzen sind los:
Mac OS X 10.0 bis 10.3

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“Experience is the name everyone gives to their mistakes.”
Oscar Wilde, “Lady Windemere’s Fan”

Nachdem wir die geschichtlichen Wirren in der Entwicklung des “klassischen” Mac OS betrachtet haben und nachdem wir Erfordernisse an ein modernes Betriebssystem untersucht haben, widmen wir uns dem Kern dieser Arbeit: Mac OS X.

Dieses Kapitel ist in vier Abschnitte unterteilt. Im ersten Teil beschreibe ich die Entstehungsgeschichte und die Architektur von Mac OS X. Die nächsten drei Abschnitte befassen sich mit den jeweiligen Releases des Betriebssystems.

Planet X

Mit Mac OS X entwickelte Apple nach über einem Jahrzehnt des Scheiterns ein neues Betriebssystem. Es basiert auf NextStep, das wiederum auf BSD Unix basiert und eine Reihe von Technologien enthält, die bei NeXT entwickelt wurden. Anfangs behielt es aber auch einige aus dem klassischen Mac OS stammende Elemente bei.

Die aller erste Version des Betriebssystems wäre heute nicht mehr als OS X erkennbar. 1999 wurde sie als Mac OS X Server 1.0 vorgestellt. Die Benutzeroberfläche war eine Mischung aus dem “Platinum”-Thema von Mac OS 9 unter Beibehaltung der Struktur von NextStep.

Im März 2001 wurde die eigentliche Endanwender-Variante vorgestellt Mac OS X 10.0 Puma. Hier hatte Apple dem verbesserten NextStep-Kern die völlig überarbeitete Oberfläche namens Aqua verpasst. Fenster warfen weiche Schatten, halbtransparente Menüs waren mit sanften Streifen unterlegt, Icons waren photorealistisch und sämtliche Elemente wurden automatisch weichgezeichnet.

Intern bot Mac OS X ein Objekt-Orientiertes-Framework, das auf der Programmiersprache Objective-C basiert. Diese native Entwicklungsumgebung nannte Apple Cocoa.

Mac OS X trägt die Spuren seiner NextStep-Wurzeln in Cocoa. So sind sämtliche Klassen in der Objective-C-Bibliothek, deren Namen mit “NS” direkt auf NextStep zurück zu führen (Apple Entwickler-Dokumentation: http://developer.apple.com/documentation/Carbon/Reference/
CoreServicesReferenceCollection/index.html#//apple_ref/doc/uid/TP40004314
abgerufen am 12. Juni 2009). Im History-Kapitel der Entwickler-Dokumentation wird offen darauf verwiesen, dass bestimmte Befehle “first appeared in NextStep” seien.

Umbrüche werden nie allein getragen

Ein altes Sprichwort besagt, der Feind alles Neuen sei das Bestehende. Das gilt gerade für Betriebssystemumstellungen. Bei jedem Versuch, ein neues Betriebssystem für bestehende Hardware einzuführen, müssen die unten angeführten Bereiche bedacht werden. Das sind die Gründe weshalb eine Betriebssystemumstellung eine große Herausforderung darstellt. Dabei gleich auf eine andere Prozessor-Architektur umzustellen, würde die Probleme nur verschärfen (Owen Linzmayer: “Apple Confidential 2.0: The Definitive History of the World's Most Colorful Company”, 2004).

1. Überzeugende Features

Mac OS Classic baute auf Technologien aus den 80er-Jahren auf. Im Grunde war es ein Single-User/Singletasking Betriebssystem, zu dem immer mehr dazu gebaut wurde, um den Anschein eines modernen Betriebssystems zu erwecken. Eine Neuentwicklung müsste auf einem völlig neuen Fundament aufbauen. Apple hatte sich für NextStep entschieden. Wenn auch nur ein Teil des alten Mac OS erhalten bliebe, dann wäre auch NextStep in seinem Funktionsumfang eingeschränkt.

Alte Technologie muss abgeworfen werden, um die Adoption der neuen Technologie zu ermöglichen. Dies führt leider zu zwei weiteren Problemen.

2. Dritt-Anbieter Applikationen

Kein Computer- und Betriebssystemanbieter agiert in einem Vakuum, denn ein Computer ist wertlos, ohne über Anwendungssoftware zu verfügen. Auch die Mac-Plattform lebt von Dritt-Anbietern, die dafür umfangreiche Anwendungen entwickeln z.B. Microsoft mit seinem allgegenwärtigen Office, sowie damals noch die zwei eigenständigen Unternehmen Adobe mit Photoshop, Acrobat, Illustrator und Indesign, und Macromedia mit Flash, Dreamweaver, Freehand und Fireworks.

Diese Unternehmen hatten viel Zeit und Geld in die Entwicklung ihrer Anwendungen investiert. Eine grundlegende Umstellung des Betriebssystems hätte zu einem gewaltigen Entwicklungsaufwand an diesen Programmen geführt. Der Aufwand wäre nur dann zu rechtfertigen, wenn sich die entstehenden Kosten auch wieder einspielen lassen. Da stellt sich die Frage, ob Anwender dazu bereit gewesen wären, bei einer einschneidenden Umstellung für bereits gekaufte Software noch einmal zu bezahlen.

3. Bestehende Anwender

Apple hatte immer eine treue Fangemeinde, die viel Geld für Hard- und Software ausgegeben hat. Diese installed user base will auch weiterhin bestehende Software und Peripheriegeräte auf dem neuen Betriebssystem einsetzen.

Apple erkannte 1997 all diese Schwierigkeiten, die eine abrupte Umstellung verhindern. Jede Strategie, sowohl auf ein neues Betriebssystem als auch auf neue Hardware umzustellen, konnte nur langfristig sein.

Entstehung des System X

Chefentwickler von Mac OS X war Avie Tevanian. Ursprünglich hatte er geplant, dass NextStep19 im Kern erhalten bleibt, eine moderne Oberfläche erhält und alte Mac-Software in einem Emulator ablaufen sollte, bis genügend neue Programme für das Betriebssystem verfügbar wurden.

Das Entwicklungsprojekt lief unter dem Codenamen “Rhapsody” und sollte 1998 fertiggestellt werden.

Apple hatte die Erwartung, dass Entwickler nur darauf warteten, die neuen, leistungsfähigen NextStep-Bibliotheken einsetzen zu können. Allerdings legten sich Adobe und Microsoft dagegen quer. Apple hatte bereits oft angekündigt, neue Betriebssysteme vorstellen zu wollen. Das Vertrauen der großen Softwarehäuser in den Computerhersteller war enttäuscht. Zudem war bereits die Umstellung von Motorola 68k auf PowerPC kostspielig gewesen. Kurzum waren die großen Software-Drittanbieter nicht bereit, ihre Software komplett um zu arbeiten - auch in Anbetracht des schwindenden Marktanteils des Mac und der ungewissen Zukunft des Unternehmens.

Ein Strategiewechsel war notwendig. (Owen Linzmayer: “Apple Confidential 2.0: The Definitive History of the World's Most Colorful Company”, 2004)

Mac OS Reloaded

Zwei Jahre lang arbeiteten die Entwickler daran, die ursprünglichen Mac OS Classic API an die Unix-artigen Bibliotheken des neuen Betriebssystem anzupassen. Diese wurden als Carbon in Mac OS 9 integriert. Sie erlaubten Entwicklern ihre Software mit relativ geringem Aufwand anzupassen, um sie sowohl für Mac OS Classic als auch Mac OS X lauffähig zu machen.

Nebenbei stellte Apple einen Teil des Betriebssystems unter OpenSource-Lizenz der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung. Der Mach-Kernel, der BSD-Layer darüber und einige andere systemnahe Teile wurden als Darwin veröffentlicht.

2000 war es dann soweit, Steve Jobs präsentierte die erste Beta-Version von Mac OS X der Öffentlichkeit. Erst 2001 war das fertige Produkt lieferbar.

Auf dem Betriebssystem liefen drei Arten von Software. “Classic” war die Emulationsebene, die es erlaubte alte, nicht-angepasste Mac-Software auszuführen. “Carbon” war die Überbrückungs-API für Anwendungen, die auf Mac OS Classic angepasst wurden, damit sie auf Mac OS X ebenfalls nativ laufen. “Cocoa” war die eigentlich neue und auf NextStep-basierte API.

Angestammte Apple-Technologien wurden bereits nativ angepasst, QuickTime wurde für Mac OS X überarbeitet, das altehrwürdige QuickDraw lief der Kompatibilität-halber ebenfalls in einer angepassten Version. Auch neue Technologien kamen zum Einsatz: mit OpenGL unterstützte Mac OS X eine moderne 3D-Grafik-Technologie. Die neue, auf Adobes PDF-Standard aufbauende Darstellungstechnologie hieß Quartz und sollte QuickDraw allmählich ablösen.

Obwohl die ersten Versionen von Mac OS X noch langsam liefen und nicht den vollen Funktionsumfang boten, zeigte Apple, dass das Unternehmen tatsächlich liefern konnte. Im Jahrestakt brachte Apple immer bessere nach Raubkatzen benannte Versionen des Betriebssystems heraus, bis es nicht nur sämtliche Features des klassischen Mac OS abdeckte, aber auch neue noch nie zuvor gesehene.

Die Architektur von Mac OS X

Die neue aufgeräumte Architektur von Mac OS X

Mit Mac OS X 10.4 Tiger kam 2004 die erste Version heraus, die der Konkurrenz von Microsoft mehr als ebenbürtig war, in vielen Bereichen war sie Windows XP überlegen. Tiger wurde zwar ursprünglich für PowerPC-Prozessoren herausgebracht, doch ein Jahr später wurde die erste Intel-Version ausgeliefert.

Codename Marklar

Bereits im April 2002 berichtete das Online-Medium eWeek20 von Gerüchten, dass Apple das damals neue Mac OS X parallel zur PowerPC-Plattform auch auf der Intel-Architektur entwickelte. Die grundsätzliche Absicht war, Apple Alternativen offen zu lassen, falls die Entwicklung der PowerPC-Prozessoren ins Stocken geriet.

2005 erwiesen sich die Gerüchte als wahr. Apple hatte einen eigenen abgeschotteten Bürobereich, in dem die Intel-Variante entwickelt wurde - Codename Marklar (benannt nach den Aliens in der Anarcho-Zeichentrick-Serie “Southpark”). Entwickler gaben “off the record” zu, dass Mac OS X auf Intel-Maschinen schneller läuft.

Diesmal ging die Umstellung schneller. Denn durch den wachsenden Erfolg der Mac-Plattform und der hohen Verkäufe, die iMacs, PowerMacs, iBooks und PowerBooks erzielten, befand sich Apple in einer ganz anderen Verhandlungsposition gegenüber den Software-Drittanbietern als bei der Umstellung von Mac OS Classic auf Mac OS X. Entwickler rissen sich darum, für Apple entwickeln zu dürfen.

Mac OS X 10.0 Puma: The Origin of Species

Streng nach dem Motto von Steve Jobs “Real artists ship” hat Apple mit Mac OS X Codename “Puma” im März 2001 ein unfertiges aber wunderschönes System veröffentlicht. Die EDV-Welt staunte zwar über die grafisch interessante Benutzeroberfläche, allerdings hatte Mac OS 10.0 Puma anfangs eher bloß Kuriositätenwert. Allen Unzulänglichkeiten zum Trotz war nicht zu verleugnen, dass nach über einem Jahrzehnt der Computerhersteller nun ein tatsächlich greifbares, neues Betriebssystem herausgebracht hatte.

Apple wollte seine gesamte Zukunft mit Mac OS X aufs Spiel setzen. Was war das Neue an Mac OS X? Welche Technologien steckten dahinter? Und wieso war Version 10.0 alles andere als brauchbar?

Count Zero - Am Anfang steht die Null

Am 24. März 2001 erblickte die erste fertige Version von Mac OS X das Licht der Welt. Es war eine Abkehr vom bisherigen Mac OS Classic und beruhte auf eine völlig anderen Basis.

Mit Mac OS X 10.0 brach das Unix-Zeitalter bei Apple ein. Mac OS X bot die neukonzipierte Benutzeroberfläche Aqua, die dem damaligen Design des iMac G3 nachempfunden war. Sie war geprägt von transparenten Menüs, Nadelstreif-Mustern und riesigen Icons.

Das System bot auch intern einige Neuerungen in Form von gleich vier verschiedener API.

1. Classic Mac OS

Classic ist an sich keine richtige ins Betriebssystem Mac OS X eingebaute Bibliothek. Vielmehr wird eine virtuelle Maschine gestartet, in der ein vollständiges Mac OS 9 bootet d.h. es läuft ein vollständiger "alter" Mac auf der Oberfläche des neuen Betriebssystems. Darauf laufen sowohl Applikationen, die für 68K-Prozessoren entwickelt wurden als auch jene, die nativ auf PowerPC portiert wurden.

Keine der Vorteile des neuen Betriebssystems können von den Programmen genützt werden. Selbst die GUI entspricht noch der "platinum" Oberfläche, die mit Mac OS 8 vorgestellt wurde. Tatsächlich erlaubt es das Mac OS X-eigene Entwicklerwerkzeug nicht einmal für Classic zu entwickeln.

Apple macht in seiner Entwicklerdokumentation sehr klar, dass die klassischen Mac OS API langsam aber sicher in die ewigen Jagdgründe geschickt wird.

2. Carbon

Diese Bibliothek stellt eine aufgeräumte und moderat modernisierte Fassung der klassischen API dar. Sämtliche Funktionen, die den neuen Features (z.B. geschützte Speicherbereiche, präemptives Multitasking usw.) im Weg stehen, wurden umgeschrieben oder fallengelassen. Im Grunde wurde das tote Holz der klassischen Mac OS API beseitigt und durch solide Eiche ersetzt.

Ein Wermutstropfen für Entwickler und Anwender ist, dass bestehende Software an Carbon erst angepasst und neukompiliert werden muss. Apple kommunizierte den Entwicklern, dass sie herzlich willkommen seien, ihre Software mithilfe von Carbon zu entwickeln, ihnen aber sehr viel entgehe, wenn sie nicht Cocoa nützen.

3. Cocoa

Diese als Wortwitz auf Java benannte Bibliothek ist die ursprüngliche API von NextStep. Sie bietet die Wiederverwendung von Objekten, ausgefeiltes message passing, Netzwerktransparenz, runtime binding, eine saubere Trennung zwischen dem User Interface und der eigentlichen Programmlogic. Zudem ist sie Plattformunabhängig. Gerade der letzte Punkt ist besonders interessant, da Cocoa damals nur unter Mac OS X verfügbar war. Später als Apple auf Intel-Prozessoren umgestiegen ist, haben erfahren wir, warum die durch die starke Abstraktion des Systems erlangte Plattformunabhängigkeit von derartig großer Bedeutung war.

Apple hat es von Anfang an klar gemacht, dass Cocoa die eigentlich “gute” und ausnahmslos empfohlene API darstellt.

4. Java

Mac OS X erlaubt es, genauso gut in der Programmiersprache Java von SUN zu entwickeln. Sämtliche Cocoa-Aufrufe und somit auch die GUI können über Java nativ angesprochen werden.

Weitere Features von Mac OS X 10.0 waren:

XNU kernel: Der Unix-artige Kernel (auf BSD/Mach basiert) war die größte Neuerung. Damit stand Mac OS X auf stabilen Beinen. Abstürzende Applikationen konnten nicht mehr das ganze System in den Abgrund mitreißen.

Geschützte Speicherbereiche: Endlich konnte auf dem Mac, eine Applikation nicht mehr im Speicherbereich eines anderen Programmes wildern.

Präemptives Multitasking: Das Betriebssystem regelte die Resourcenverteilung zentral. Einzelne Programme konnten nicht mehr die gesamte Rechenleistung für sich beanspruchen.

OpenGL: Die Grafikkarten-beschleunigte API zur Entwicklung von 2D- und 3D-Computergrafik sollte den Mac zu neuen grafischen Höchstleistungen verhelfen. OpenGL wurde anfangs vor allem für die Aqua-Oberfläche verwendet.

Terminal: Der Unix-Terminal erlaubte es fortgeschrittenen Usern über eine Befehlszeilenschnittstelle mit Unix-Befehlen die innersten Tiefen des Systems zu durchforsten und anzusprechen.

Dock: Mit diesem am unteren Bildschirmrand liegenden Dock stellte Apple den neuen Programmlauncher und Taskmanager des Betriebssystems vor. Der User konnte seine Applikationen für die spätere Verwendung darin ablegen. Wenn eine Applikation lief, dann zeigte ein kleiner Pfeil darauf.

PDF: Der gesamte Bildschirmaufbau wurde als PDF-Datei21 beschrieben, so konnte auch jede Anwendung PDFs generieren.

Abgerundet wurde die Premiere mit dem neuen Adressbuch, einem Mail-Programm, die Automatisierungssprache AppleScript und dem Suchassistenten Sherlock. Die meisten Features blieben auch in den nachfolgenden Versionen von Mac OS X erhalten und wurden weiterentwickelt.

Allerdings war Mac OS X auf der damaligen Hardware schier unbrauchbar. Für einen Geschwindigkeitsvergleich mit Mac OS 9 benötigte man nicht einmal eine Stoppuhr, so offensichtlich war der Geschwindigkeitsmanko des neuen OS. Mac OS X konnte seine prozessorfremde Herkunft nicht verleugnen. Es war für PowerPC-Prozessoren noch nicht optimiert. Mac OS X 10.0 war eine lahme Ente, die sich im Gewand eines Schwanes präsentierte.

Mac OS X 10.1 Cheetah: Homeland Security

Mit Mac OS X 10.0 Puma war zwar der erste, wenig überzeugende Schritt getan. Das reichte aber noch lange nicht, um Nutzer von Mac OS Classic auf das neue Betriebssystem einzustimmen. Nur wenige Monate nach der ersten Version brachte Apple das verbesserte Mac OS X 10.1 auf den Markt. Allzu sehr vertrauten die Entwickler dem System aber doch nicht, denn Apples Rechner wurden sowohl mit dem neuen als auch mit dem alten OS ausgeliefert.

Die wichtigste Neuerung des Systems waren seine Geschwindigkeitszuwächse. Endlich lief Mac OS X 10.1 einigermaßen flüssig auf Systemen, die für die vorige Version unbrauchbar waren. Zwar überholte das honorige Mac OS 9 seinen jüngeren Bruder bei den meisten Aufgaben, doch die ersten Zeichen einer Verbesserung ermunterten User dem System doch noch eine Chance zu geben. Zudem lief die Grafikbeschreibungssprache OpenGL, die eine leistungsfähige GPU22 ausnützte, um bis zu 20% schneller unter 10.1.

An Stabilität und Sicherheit des Systems wurde weiterhin gefeilt. So bot es eine systemweite Firewall und sämtliche Benutzeroperationen wurden in einer User-Rolle ausgeführt, die nicht alle Rechte hatte. Wollte ein User Programme installieren oder Systemdateien verändern, so musste er sich in allen Fällen als Administrator einloggen. Selbst wenn ein User bereits vorher Admin war, musste er sich noch einmal authentisieren.

Mac OS X 10.2 Jaguar: Intelligent Design

Ab August 2002 konnten User erstmals komplett auf das neue Betriebssystem umsteigen. Apples Vorzeigebetriebssystem mauserte sich zu einer ernstzunehmenden Anwendung.

Welche Verbesserungen sind ausschlaggebend für diesen Wandel? Welches Potenzial lässt sich in Jaguar erkennen?

Need for Speed

Wohingegen bei anderen Systemen üblicherweise jedes Upgrade auf der selben Hardware zu Geschwindigkeitseinbußen führt, konnte Apple auch beim Upgrade auf Mac OS X 10.2 die Geschwindigkeit steigern. Zyniker meinen, die vorige Version sei sowieso so langsam gewesen, dass eine Steigerung leicht möglich sei.

Quartz Extreme-Technologie erfuhr die Bildschirmausgabe eine gewaltige Beschleunigung, weil nun für den Aufbau von Menüs und Fenster, eigentlich für die gesamte Komposition des Bildschirminhalts die Arbeit komplett auf die Grafikkarte ausgelagert wurden. Jetzt konnten mehrere Videos gleichzeitig abgespielt und dabei sogar ihre Fenster bewegt werden, ohne den Videostrom abreißen zu lassen. Sogar wenn eines der transparenten Menüs über dem Videofenster lag, stotterte das Video kein bisschen. Erstmals waren bestimmte Operationen unter Mac OS X schneller als unter Mac OS 9 auf dem selben Rechner.

Zudem erhielten Multiprozessor-Rechner einen gehörigen Geschwindigkeitsschub, weil Prozesse gleichmäßig auf beide Prozessoren aufgeteilt wurden. Zu den Optimierungen für PowerPC gehörten auch die bessere Ausnützung der Vektorberechnungseinheit23 des G4-Prozessors. Langsam aber sicher machte es sich Mac OS X auf den PowerPC-Prozessoren bequem.

Das System bot aber auch andere Neuerungen, die zu einer Erweiterung des Funktionsumfanges beitrugen:

Rendezvous: Mit diesem Zeroconf-Protokoll konnte Mac OS X in einem Netzwerk andere Geräte (z.B. Drucker) finden, ohne den User zu bemühen.

Finder-Suche: Nun war eine systemweite Suche direkt in jedem Finder-Fenster eingebaut. Das war aber nur ein Vorläufer dessen, was noch an Suchtechnologie (Spotlight in Mac OS X 10.4 Tiger) implementiert werden sollte.

CUPS (Common Unix Printing System): Das auf anderen Unix-Systemen verwendete modulare Druckersystem wurde in Mac OS X integriert.

Systemweites Adressbuch: Sämtliche Kontaktinformationen lagen nun in einer zentralen Ablage und konnten von anderen Anwendungen (mit Erlaubnis des Users) genützt werden. Das war der erste Vorläufer der Sync-Services in späteren Mac OS X-Versionen.

JFS (Journaled file system): Jeder Schreib/Lese-Vorgang auf der Festplatte wurde nun mitprotokolliert. Im Falle eines Systemabsturzes konnte aufgrund des geschriebenen Journals festgestellt werden, welche Dateien zum Zeitpunkt des Absturzes offen waren, um sie zu reparieren.

Zukunft passiert

Mac OS X 10.2 Jaguar begann Apples Versprechen einzulösen. Es erfüllte nun so ziemlich alle Erfordernisse an ein modernes Betriebssystem. So bot es bereits seit der ersten Version Multiuser-Unterstützung, präemptives Multitasking und geschützte Speicherverwaltung, durch den Einsatz des neuen Kernels hatte es eine Modulare Architektur und eine intelligente Treiberverwaltung. In 10.2 kam noch das modernes Dateisystem dazu sowie eine verbesserte Multi-Prozessor-Fähigkeit.

Apple gewann mit dem neuen System sein Selbstbewusstsein wieder. Die Rechnerverkäufe begannen langsam anzuwachsen, weil early Adopters neugierig waren, aber auch weil neue User begannen, sich nach Alternativen zum in die Jahre gekommenen Windows umzusehen. Interessanterweise reichte Apple ebendiesen Usern die Hand, indem es nicht nur sein eigenes Betriebssystem dazu brachte “brav” in Windows-Netzwerken mitzuspielen, sondern auch indem mit Rendezvous, die erste neue Apple-Technologie auf Windows-Rechnern portiert wurde.

Mac OS X 10.3 Panther: Full Metal Jacket

Wenn 10.2 die erste Version von Mac OS X war, die alltagstauglich war, dann konnte Panther nur noch mehr überzeugen. 10.3 war um einiges flotter, flüssiger und vor allem noch stabiler. Trotzdem stellt es eher einen evolutionären Sprung dar. Nach der Einführung von 10.3 im Oktober 200324 begann Apple neue Rechner ausschließlich mit diesem Betriebssystem auszuliefern. Eine Dual-Boot-Variante wie bisher mit Mac OS Classic war somit ausgeschlossen. Sowohl Mac-Anwender als auch Entwickler waren überzeugt, dass es kein Zurück mehr gab. Apple war auf dem Weg zum zweiten Frühling.

Wie hat sich die Benutzeroberfläche von Mac OS X 10.3 verändert? Welche neuen Features bietet diese Version?

Überall gebürstetes Metall

Die offensichtlichste Veränderung des Systems war die von iTunes und dem Quicktime-Player bekannte “brushed metal”-Oberfläche. Sämtliche Systemfenster verfügten nun über dieses gemusterte Aussehen. Apple lernte vom eigenen Musikverwaltungsprogramm iTunes und ergänzte den Finder mit Schnellzugriffen zu Laufwerken, Netzwerken und oft verwendete Ordner in jedem Fenster.

Mit Panther finalisierte Apple die Entwicklung der Carbon- und Cocoa-API. Entwickler, die nicht auf den Kernel zugreifen mussten, konnten sich nun sicher sein, dass diese APIs nur mehr erweitert werden würden, bestehende Bibliotheksaufrufe würden sich nicht mehr verändern. So konnten Entwickler sicher sein, dass ihre Software auch auf späteren Systemen laufen würde, solange sie sich an Apples Spielregeln gehalten hatten. Apple würde aber erst mit der nächsten Systemversion Entwicklungssicherheit auch auf Kernel-Ebene garantieren.

Neben dem neuen Aussehen des Systems und der internen Änderungen, bot Apple Usern zusätzlich eine Vielzahl anderer Änderungen:

Safari und Webkit: Mit dem neuen super-schnellen Webbrowser konnte Apple endlich einen brauchbaren Ersatz für den lahmen Internet Explorer bieten. Microsoft hatte seit Version 5.2 aufgehört die Mac-Version des Explorers weiterzuentwickeln. So packte Apple die Gelegenheit beim Schopf und entwickelte basierend auf dem Open Source-Browser Konqueror kurzerhand Safari und die neue Webrendering-Bibliothek Webkit. Diese floss wieder in die Open Source-Community. Mittlerweile ist Webkit die Basis der meisten mobilen Browser auf Smartphone (inkl. Nokia und Google Android) und lieferte sogar Jahre später die Engine von Google Chrome.

Finder: Der von vielen Usern kritisierte Finder wurde in dieser Version stark verbessert. Nun konnten User schnell auf ihre oft verwendeten Ordner und Laufwerke zugreifen.

Exposé: Mit dieser Funktion konnten User wahlweise per Tastendruck oder Mausbewegung sämtliche offenen Fenster gleichzeitig anzeigen. Auch konnten sie alle Fenster verschwinden lassen oder nur die Fenster einer bestimmten Anwendung sehen. Exposé half Usern das System insgesamt besser zu bedienen. Ein Mac OS X ohne dieses Feature ist heute undenkbar.

Preview: Die systemeigene PDF- und Bilderanzeige wurde stark beschleunigt. Nun konnte man unter Mac OS X wesentlich schneller PDFs und komplexe Grafiken anzeigen als unter Mac OS 9 oder sogar dem Adobe eigenen Acrobat Reader.

Xcode developer tools: Die Entwicklungsumgebung des Systems erhielt nun nicht nur einen neuen (coolen) Namen, sondern wurde auch schneller.

Font Book: Mit dieser neuen Applikation machte Mac OS X vor allem Druckereien und Grafiker glücklich. Nun konnten sich User auf einfache Weise Überblick über die installierten Zeichensätze verschaffen und diese ganz leicht austauschen und um neue ergänzen.

FileVault: Dieses Feature erlaubte es Usern, den gesamten Inhalt ihrer Datenträger laufend zu verschlüsseln, um ihn vor unbefugtem Zugriff zu schützen.

X11: Der auf anderen Unix-Systemen übliche Windows-Manager X11, der bisher nur optional installierbar war, wurde nun in Mac OS X 10.3 Panther standardmäßig integriert.

Mithilfe von X11 konnten Unix-Entwickler ihre Applikationen leicht auf Mac OS X portieren. Innerhalb kurzer Zeit wurden die Grafik-Software Gimp und das Bürosoftwarepaket OpenOffice auf Mac OS X implementiert. Einige Geeks begannen im Rahmen des Entwicklungsprojekt Fink25, sämtliche Linux-Applikationen für den Mac aufzubereiten.

Der reife Apfel

Mac OS X 10.3 Panther zeigte, dass Apple das Zeug dazu hatte, in regelmäßigen Abständen, immer bessere Versionen seines mittlerweile drei Jahre alten Betriebssystems zu veröffentlichen. Panther war nun nicht nur komplett für den PowerPC-Prozessor optimiert. Es enthielt auch die ersten Anpassungen an neue 64-Bit-Prozessoren (damals noch in Form des G5). Es funktionierte besser in Windows-Netzwerken und konnte problemlos in SecurID VPN26-Umgebungen integriert werden.

Apple hatte seine Basis für die Zukunft geschaffen. Die lange Kindheit des Systems fand ihr Ende. Nun konnte Apple dem erwachsenen OS X neue Tricks beibringen.

Kapitelzusammenfassung

Die Entwicklung von Mac OS X begann recht holprig. Einerseits war NextStep nicht so leicht als neues Betriebssystem einsetzbar, andererseits wehrten sich die etablierten Softwarehäuser dagegen, ihre Programme für das neue System komplett neu schreiben zu müssen. Apple entwickelte deshalb eine überlappende Migrationsstrategie in Form von Carbon.

Mit Version 10.3 Panther stellte Apple das Fundament fertig, worauf neue Features etabliert werden konnten. Jetzt sollte es erst richtig los gehen.

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Fußnoten (Kapitel 4):

19 In dieser Arbeit wird das Betriebssystem der Einfachheit halber “NextStep” genannt. In vielen Quellen werden die Großbuchstaben anders gesetzt (z.B. NeXTStep). Zur Namensverwirrung tragen auch die vielen Varianten von NextStep, u.a. OPENSTEP, NeXTs geplante gemeinsame Plattform mit SUN. Zurück

20 Leider ist der Online-Artikel vom Netz verschwunden, offenbar hat eWeek auf ein anderes CMS umgestellt, womit die ursprüngliche URL (http://www.eweek.com/article2/0,3959,496270,00.asp) nicht mehr zum Artikel führt. Allerdings wird im folgendem Forum mit Beiträgen aus dem Jahr 2002 der Artikel referenziert: http://forums.macrumors.com/archive/index.php/t-10549.html (abgerufen am 10.Juli 2009). Zurück

21 Portable Document Format - das offene Seitenbeschreibungsformat von Adobe. Zurück

22 GPU - Graphics Processing Unit, das Herz einer Grafikkarte. Zurück

23 Von Apple als Altivec Velocity Engine bezeichnet. Zurück

24 Zwei Monate, nachdem ich selbst nach langen Jahren als Mac OS Classic-User den Sprung auf Mac OS X mit meinem iBook G3 gewagt hatte. Zurück

25 Keine Verwandschaft mit dem gleichnamigen Lektor an der Donau Universität Krems. Zurück

26 Virtual Private Network - Software, die es erlaubt, in ein geschütztes Netzwerk einzusteigen. Zurück

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