A2 - Die Ballade von Angie und Alex
Ein zufälliges Wiedersehen in einem Café. Zwei Menschen, die einander längst verloren glaubten. Und ein Gespräch, das all das freilegt, was nie ausgesprochen wurde.
Alex ist zurückgekehrt, um Gesichter zu sehen, die ihn nicht mehr erkennen. Angie ist gekommen, um aus der Ferne Abschied zu nehmen. Zwischen Kaffeetassen, Erinnerungen und kleinen Verkleidungen treffen sie auf das, was geblieben ist - und auf das, was vielleicht noch möglich wäre.
Dezember 2004
Kapitel 1: Die Unerkannten
Ein großer Junge mit breiten Schultern betrat das Lokal. Er trug eine Brille, das dunkelblonde Haar fiel ihm lang in den Nacken, und ein kurzer Bart gab ihm etwas Erwachsenes - obwohl er erst achtzehn war.
Das Kaffeehaus war voll. Jeder Tisch besetzt, überall Stimmen, Gläser, Besteck, Lachen. Menschen saßen dicht beieinander, redeten, tranken, aßen - und taten all die kleinen Dinge, die man erst bemerkt, wenn man länger hinsieht.
Der Junge blieb einen Moment im Eingang stehen und ließ den Blick über die Menge gleiten. Er wirkte traurig, verloren, als sei er nur halb anwesend. Er erkannte viele Gesichter. Gesichter, die einmal zu seinem Leben gehört hatten.
Einige von ihnen waren früher Freunde gewesen, manche sogar sehr gute. Er hatte mit ihnen gelacht, Unsinn getrieben, kleine Siege gefeiert und sich nach schlechten Tagen wieder zusammengerauft. Das war nicht nichts, und das würde er nie vergessen. Und doch erkannte ihn niemand.
Er redete sich ein, es läge an den Details. Früher hatte er kurzes Haar gehabt, keinen Bart, keine Brille. Jetzt war er wie eine andere Version seiner selbst - und die alten Freunde sahen durch ihn hindurch, als wäre er bloß ein weiterer Gast.
Er zwang sich zur Bewegung. Zu lange stehen zu bleiben machte ihn sichtbar und lächerlich zugleich. Also ging er zu einem Tisch, an dem ein Mädchen allein saß. Sie hatte langes, rotes Haar und trug eine Brille mit Plastikfassung - anders als seine aus Metall. Ihr Gesicht war offen, ihr Lächeln sofort da, als wäre Freundlichkeit für sie kein Risiko.
"Entschuldige", sagte er, "darf ich mich zu dir setzen?"
Sie nickte, mit einem breiten, warmen Lächeln. "Klar."
Als er sich setzte, musterte sie ihn kurz und neugierig, dann glitt sein Blick wieder ab, zurück in die Menge, zu den vertrauten Gesichtern, die ihn einmal gekannt hatten.
Sie hatten aufgehört, seine Freunde zu sein, als er die Schule verließ. Er hatte es damals für einen Schritt nach vorn gehalten: raus aus dem Klassenzimmer, hinein ins eigene Leben. Die Schule interessierte ihn kaum noch; er wollte etwas Echtes, etwas Eigenes. Als er im Sommer ging, hatten alle geschworen, in Kontakt zu bleiben. Und er hatte ihnen geglaubt.
Im ersten Monat sah es sogar so aus, als stimmte es. Er traf viele von ihnen, und jedes Wiedersehen fühlte sich an wie ein Beweis: Wir schaffen das, auch ohne gemeinsamen Stundenplan.
Dann vergingen Wochen. Ein halbes Jahr. Das Interesse wurde leiser, dünner, bis es kaum noch zu spüren war. Sie lebten sich auseinander, ganz ohne Streit, ganz ohne große Szene. In den Gesprächen merkte er auf einmal, dass er weniger mitreden konnte, weil ihre Welt nicht mehr seine war. Und irgendwann traf er sie einfach nicht mehr.
"Du wirkst ganz schön nachdenklich", sagte das Mädchen ihm gegenüber. Ihre Stimme riss ihn zurück. Sie lächelte noch immer, als hätte sie beschlossen, ihn nicht allein zu lassen, solange er an ihrem Tisch saß. "Wartest du auf jemanden?"
"Ich? Nein … eigentlich nicht." Er zögerte, suchte nach einem Satz, der nicht zu viel verriet. "Ich bin einfach hier, um die Leute zu beobachten."
Er sah in ihre Augen. Hinter dem Glas wirkten sie klar und lebendig. Und mit einem Mal spürte er, dass er ihr mehr sagen könnte, als man einem Fremden gewöhnlich zugesteht.
"Weißt du", sagte er leiser, "einige von denen da drüben waren einmal richtig gute Freunde. Jetzt erkennen sie mich nicht mehr. Du kannst dir nicht vorstellen, wie weh das tut."
Das Mädchen sah ihn an, und in ihrem Gesicht lag echtes Mitgefühl, kein bloß höfliches Nicken; sie schien zu wissen, wovon er sprach. "Das kann ich verstehen", sagte sie. "Im Moment geht es mir genauso."
"Wirklich?" Unwillkürlich beugte er sich ein Stück vor. Ohne es zu wollen, legte er seine Hand auf ihre. Sie zog sie nicht weg. "Warum denn?"
"Es ist eine lange Geschichte", meinte sie, "und ich will dich nicht damit langweilen. Erzähl du ruhig weiter. Warum seid ihr keine Freunde mehr?"
Er atmete aus. "Ich glaube, wir waren Freunde, weil wir in derselben Klasse saßen. Als das wegfiel, blieb nicht viel übrig." Er strich sich über den Bart, als müsste er sich vergewissern, dass er wirklich da war. "Seit sie mich das letzte Mal gesehen haben, sind die Haare länger geworden, dazu der Bart … und die Brille. Vielleicht, dachte ich, ist das der Grund, warum mich niemand erkennt."
Er lächelte kurz, ohne Freude, und wurde gleich wieder ernst. "Außerdem …" Er driftete ab, in eine Erinnerung, die er eigentlich meiden wollte. "… gibt es ein Mädchen, das ich gern gesehen hätte. Ich hab sie wirklich gemocht. Manchmal denke ich an damals zurück, als wir noch zusammen waren. An die Stunden, die gut waren."
Er hielt inne, als könnte er hier noch aussteigen. Dann ging er weiter. Es tat zu gut, es endlich auszusprechen.
Er erzählte von ihr: dass sie hübsch gewesen war, dass sie sich verstanden hatten - bis auf diesen einen Punkt, der alles langsam zermürbte. Sie hatte nicht gewollt, dass er allein fortging. Nicht einmal zu einem harmlosen Männerabend. Und sollte sie mitkommen, wollte sie es doch nicht - weil sie nicht Karten spielte, nicht zusehen mochte, wie er trank, wie er lachte, wie er ohne sie existierte.
"Ich hab versucht, ihr das zu erklären", sagte er. "Ganz ruhig. Ohne Druck. Ich wollte nur, dass sie mir vertraut."
Er rieb sich die Schläfen, seine Stimme wurde rauer. "Und dann hat sie mich verlassen. Einfach so. Sie ist mit einem anderen gegangen und hat mir die kalte Schulter gezeigt." Er schluckte. "Und weißt du, was das Schlimmste ist? Ich hab ihr nie wirklich gesagt, wie gern ich sie hatte … nein - wie sehr ich sie geliebt habe."
Er starrte auf den Tisch, als läge dort eine Antwort. "Vielleicht war das der Grund. Vielleicht dachte sie, ich meinte es nicht ernst. Ich hätte alles für sie getan - und ich hab es ihr nicht gesagt. Warum bloß?"
Das Mädchen sah ihn an, als wollte sie jedes Wort mittragen. Dann sagte sie leise: "Komisch. Ich bin aus einem ähnlichen Grund hier." Er hob den Blick.
"Ich hab mich auch … verändert", meinte sie. "Wenn man es so nennen will. In Wahrheit habe ich gar keine roten Haare. Ich bin blond." Sie zog eine Strähne zurück, und tatsächlich schimmerte darunter der hellere Ton. "Ich bin hier, um meinen Ex zu sehen. Ich wollte ihn aus der Ferne beobachten."
Sie erzählte, dass es ihr leidtat. Dass sie damals kein Verständnis gehabt hatte. Dass sie ihn ganz für sich hatte haben wollen, als wäre Liebe ein Besitz. "Ich hab erst später begriffen, wie falsch das war", sagte sie.
Alex' Augen weiteten sich, als hätte jemand ein Licht eingeschaltet. Er betrachtete sie neu, als sähe er sie zum ersten Mal: das rote Haar, die Stimme, die Pausen, die Art, wie sie ihn ansah.
"Wirklich?" Ein vorsichtiges Lächeln wuchs in seinem Bart. "Was für ein Zufall. Ich wollte auch sehen, wie meine Ex ohne mich zurechtkommt. Ob sie … ob sie glücklich ist. Vielleicht wollte ich wissen, was ihr Neuer hat, was ich ihr nicht geben konnte." Er sah sich ein letztes Mal im Lokal um. "Aber so weit ich das erkennen kann, ist sie gar nicht da. Also war das alles umsonst."
Das Mädchen hob die Hand und strich ihm über die Wange. Ihr Lächeln veränderte sich - wurde warm, fast zärtlich. "Sag das nicht, Alex." Er erstarrte.
"Ich bin's", sagte sie. "Angie."
Einen Moment lang wirkte Alex, als käme sein Verstand nicht mehr mit. Er nahm die Brille ab, als müsste er das Bild ohne Glas prüfen. Er sah sie an, wirklich an - und langsam zeichnete sich das Erkennen in seinen Zügen ab.
Dann fiel alles von ihm ab. Er stand auf, als wäre der Stuhl plötzlich zu klein für das, was in ihm vorging. Sie erhoben sich zugleich, stolperten einander entgegen und sanken in eine Umarmung, die zögernd und endgültig war zugleich.
Als sie sich wieder lösten, beugte Angie sich vor und flüsterte ihm ins Ohr:
"Der Bart steht dir gut, Alex. Du siehst damit so männlich aus."
Kapitel 2: Die vergessene Nummer
Das Telefon klingelte, als hätte es Eile. Alex fuhr hoch, tastete im Halbdunkel nach dem Hörer und nahm ab, noch ehe das zweite Klingeln verklungen war.
"Hallo?"
Ein kurzes Knistern, dann eine Stimme, die er sofort erkannte. Leiser als in seiner Erinnerung, aber unverkennbar.
"Alex."
Er setzte sich auf, und sein Herz machte einen Sprung, als hätte jemand ein längst vergessenes Lied angestimmt. "Angie. Dass du anrufst …" Er suchte nach einem Tonfall, der nicht zu viel verriet, und scheiterte. "Wie geht's dir?"
"Gut", sagte sie, und dann folgte eine Pause, in der mehr lag als in dem Wort selbst. "Seit wir uns gesehen haben, habe ich viel nachgedacht. Über dich, über mich, über uns."
Er schwieg, weil er wusste, dass jedes Geräusch diese Stille beschädigen könnte.
"Alex", fuhr sie fort, jetzt entschlossener. "Ich möchte, dass wir es noch einmal versuchen."
Einen Moment lang schien alles in ihm stillzustehen, und im nächsten war da nur noch Bewegung. Er legte auf, ohne sich zu verabschieden, griff nach seiner Jacke und riss die Wohnungstür auf. Seine Schritte hämmerten laut und ungeduldig durchs Stiegenhaus; ein alter Mann kam ihm entgegen, schwer auf das Geländer gestützt, und Alex wich ihm aus, fast zu spät.
"Entschuldigung", murmelte er und war schon vorbei, die Worte hinter sich gelassen wie alles andere, das ihn jetzt aufhalten wollte.
Draußen schlug ihm die Luft entgegen, kalt und klar, und er rannte, ohne auf den Rhythmus zu achten, ohne auf die Richtung. Angie wollte ihn sehen - jetzt, vor der Schule, um vier. Als er zur großen Kirchenuhr hinaufsah, die über den Dächern hing wie ein schwerer Gedanke, war es zehn vor vier.
Von oben betrachtet hätte man erkennen können, wie er der Schule näherkam, doch Alex sah nur enge Straßen, Kreuzungen und Gesichter, die an ihm vorüberzogen. Er bog falsch ab, verpasste Wege, sprang in eine Straßenbahn, die sich als die falsche erwies, stieg wieder aus, fluchte leise und entschied sich schließlich für den einfachsten Weg: zu Fuß.
Als er den Platz vor der Schule erreichte, zeigte die Uhr genau vier - und Angie war nicht da. Er blieb stehen und wartete, sah noch einmal zur Uhr, als könnte sie sich geirrt haben. Fünf Minuten, dann zehn; Menschen kamen und gingen, Schüler lachten, ein Lehrer schloss ein Fenster.
Nach einer Viertelstunde zog sich etwas in ihm zusammen, eine dünne, hartnäckige Sorge. Wo war sie nur?
Eine kleine Hand zog an seiner Jacke, und Alex wandte sich um. Vor ihm stand ein Junge, kaum zwölf, die Augen zu groß für das Gesicht. "Hast du 'ne Zigarette?", fragte er mit einer Stimme, die noch nicht wusste, wie sie klingen wollte.
Alex blinzelte. "Nein", sagte er schärfer als nötig. "Verschwinde."
Der Junge trat ihm gegen das Schienbein und rannte davon; Alex spürte den Tritt kaum. Als er wieder zur Uhr sah, war es halb fünf, und er konnte nicht länger warten - er musste sie anrufen.
Ein Stück weiter stand ein Münztelefon, grau und verkratzt. Alex ging hin, tastete nach Münzen und hielt den Hörer in der Hand - und erstarrte, denn die Nummer war nicht da. Er schloss die Augen und zwang sich zur Ruhe: Zahlen, dachte er, es sind doch nur Zahlen. Doch wo eben noch ein Gedächtnis gewesen war, war jetzt nur Leere, weißes Rauschen. Er versuchte es erneut, konzentrierte sich - und fand nichts.
Dann fiel es ihm ein: wie er damals alles zerstört hatte, was mit Angie zu tun hatte - Zettel, Notizen, Telefonnummern -, aus Trotz und Schmerz und aus dem kindischen Glauben, man könne Vergangenes auslöschen, wenn man nur gründlich genug sei. Sie hatte eine Geheimnummer. Er ließ den Hörer sinken. Wie sollte er sie erreichen?
Die Sorge in ihm kippte, wurde zu etwas Dunklerem, Drängenderem, und die Gedanken liefen durcheinander, griffen ineinander und suchten einen Ausweg, wo keiner war. Und dann, plötzlich, kam ihm eine Idee, so klar und so endgültig, dass sie ihm den Atem nahm: Er würde sich erinnern, egal wie.
Er wusste, dass ein Mensch kurz vor dem Tod sein ganzes Leben noch einmal sieht, jeden Moment, jede Kleinigkeit; er hatte irgendwann irgendwo davon gehört. Und wenn das stimmte, dann wäre auch Angies Nummer dabei.
Er sah sich um, als hätte die Stadt ihm einen Hinweis gegeben, dann drehte er sich um und ging los - hinunter, unter die Stadt.
Kapitel 3: Der Verfolger
Angie hatte das Gefühl, beobachtet zu werden, noch ehe sie es sicher wusste - dieses feine Ziehen im Nacken, das einem sagt, dass etwas nicht stimmt, auch wenn man es noch nicht benennen kann. Sie ging schneller.
Die Straße war ungewöhnlich leer, die Auslagen der Geschäfte warfen ihr eigenes Gesicht zurück, verzerrt und fremd, und ihre Schritte hallten zu laut, als gehörten sie jemand anderem. Hinter ihr klangen Schritte - nicht eilig, nicht hastig, gerade regelmäßig genug, um kein Zufall zu sein. Sie wagte einen kurzen Blick über die Schulter: Der Mann war groß, dunkles Haar, ein Körper, der zu viel Raum einnahm. Er ging nicht direkt hinter ihr, sondern leicht versetzt, als wollte er ihr die Illusion lassen, sie könne ihn abschütteln.
Angie bog um eine Ecke, dann noch eine. Ihr Herz schlug schneller, jeder Atemzug wurde flacher, und sie redete sich ein, dass sie sich täuschte, dass sie überreagierte - doch als sie wieder zurückblickte, war er noch da. Sie beschleunigte, ihre Absätze klackten in einem hektischen Rhythmus auf dem Asphalt. Der Gedanke an Alex schob sich zwischen Angst und Hoffnung: Sie war spät dran, viel zu spät, und irgendwo in ihr wuchs die verzweifelte Sehnsucht nach seiner Nähe, nach der Sicherheit seiner Arme.
Sie erreichte den Eingang zur U-Bahn und stürzte die Stufen hinab. Die Luft wurde schwer und feucht, roch nach Metall und altem Wasser - und dann Menschen, endlich Menschen, Stimmen, Schritte, Leben. Für einen Moment glaubte sie, es geschafft zu haben.
Sie blieb hinter einer Säule stehen und zwang sich, ruhig zu atmen. Die Handtasche rutschte ihr von der Schulter; sie fing sie auf und strich sich das Haar aus dem Gesicht, zwischen dessen blonden Strähnen noch der Rest der roten Färbung schimmerte, ein Relikt ihres Versteckspiels. Sie sah sich um: kein Mann, keine dunkle Gestalt. Erleichterung breitete sich in ihr aus, vorsichtig, wie ein Tier, das sich nicht sicher ist, ob die Gefahr wirklich vorüber ist, und sie lehnte den Kopf kurz an die kalte Säule. Vielleicht hatte sie sich doch getäuscht.
Ein Zug fuhr auf dem gegenüberliegenden Gleis ein, Wind und Lärm füllten die Halle, und als er hielt, wurde es plötzlich stiller - und wärmer. Zu warm. Angie drehte sich um, und er stand direkt hinter ihr. Sein Blick lag schwer auf ihr, unangenehm nah; sie roch seinen Atem, süßlich und faulig zugleich. Er lächelte nicht, er musterte sie, als hätte er einen Anspruch auf sie.
"Nicht so eilig", sagte er leise.
Angie wich zurück, ihr Rücken stieß gegen die Säule, und einen Sekundenbruchteil lang war da nur Panik, rein und lähmend. Dann bewegte sie sich: Sie riss sich los, rannte zu dem Zug, der noch mit offenen Türen dastand, und sprang hinein. Die Türen schlossen sich hinter ihr mit einem metallischen Zischen, und sie sank auf einen Sitz, das Herz raste, die Hände zitterten unkontrolliert.
Niemand sah sie an. Die anderen Fahrgäste standen oder saßen da, gefangen in ihren eigenen Gedanken, ihren Bildschirmen, ihren Müdigkeiten; niemand hatte etwas bemerkt, niemand stellte Fragen.
Der Zug rührte sich nicht. Angie blickte zur Tür, an der sich von außen eine Hand gegen das Glas presste, dann ein Gesicht, verzerrt, wütend, hilflos. Der Mann schlug gegen die Scheibe und sagte etwas, das sie nicht verstand; die Worte gingen im Dröhnen des Zuges unter. Dann setzte er sich in Bewegung, langsam zuerst, dann schneller, und der Mann blieb zurück, wurde kleiner, bis er verschwand.
Angie schloss die Augen. Erst jetzt merkte sie, wie sehr ihr Körper zitterte, und sie atmete ein, aus, ein, aus und zwang sich zur Ruhe. Ein paar Stationen später stieg sie aus; sie wollte nicht geradewegs zur Schule fahren, nicht riskieren, ihm noch einmal zu begegnen, also wechselte sie die Linie, dann noch einmal, und erst als sie sicher war, allein zu sein, wagte sie es, den Weg fortzusetzen.
Als sie schließlich wieder ins Freie trat, war es bereits später Nachmittag, der Himmel hatte die Farbe von müdem Blau angenommen. Sie sah auf die Uhr und spürte einen Stich: Alex wartete. Und sie rannte.
Kapitel 4: Der Kreislauf
Man sieht, so hatte Alex es einmal gehört, kurz vor dem Tod sein ganzes Leben noch einmal - nicht als geordnete Abfolge, sondern als Strom aus Bildern, Gefühlen, Gerüchen, alles zugleich, als würde der Körper, der nichts mehr zu verlieren hat, mit einem Mal ehrlich. An diesen Gedanken klammerte er sich.
Der Eingang zu den Schächten lag verborgen, dort, wo die Stadt müde wurde und niemand genau hinsah, ein Ort, den man übersah, wenn man es sich leisten konnte. Alex ließ sich hinab, vorsichtig zuerst, dann entschlossener, während die Luft schwer und feucht wurde und nach Metall und altem Wasser roch. Er knipste die kleine Taschenlampe an, doch ihr Licht war schwach, nur ein schmaler Kegel in der Dunkelheit, und jeder Schritt musste sitzen - hier unten gab es keinen Platz für Fehler.
Er wusste, wo er stehen durfte, wo kein Strom floss, wo die Gleise sicher waren - so sicher, wie hier unten überhaupt etwas sein konnte. Seine Freunde aus dem Fitnessstudio hatten es ihm einmal gezeigt, lachend, als wäre es ein Spiel; damals hatte es harmlos gewirkt, jetzt nicht mehr. Er stellte sich zwischen die Schienen. Die Stille war fast vollkommen, nur ein fernes Dröhnen, das er mehr spürte als hörte, und Alex schloss die Augen.
Er würde es nicht zu Ende bringen, sagte er sich; er musste nur nahe genug herankommen, nah genug, um sich zu erinnern, um die Nummer zu sehen. Dann würde er zur Seite springen, wieder hinauf, zurück ins Licht, Angie anrufen, alles erklären. Ein einfacher Plan, lächerlich einfach.
Das Dröhnen wurde stärker, die Schienen begannen zu vibrieren, seine Knie auch. Er atmete tief ein, und in diesem Moment verstand er, was er tat - nicht als Gedanke, sondern als Gefühl, eine kalte, klare Angst, die nichts beschönigte. Er wollte leben, er wollte sie sehen, er wollte sagen, was er nie gesagt hatte.
Am Ende des Tunnels tauchten die Scheinwerfer auf, zwei helle Punkte in der Finsternis, die rasch größer wurden, und der Wind kam zuerst, riss an seinem Haar, zerrte an seiner Kleidung. Und dann begann es.
Zuerst war da nichts, kein Ton, kein Bild, nur ein leises Pulsieren tief in ihm. Dann Licht, warm, grell, überwältigend, und Bilder brachen über ihn herein: Kindheit, Sommer, Klassenzimmer, Lachen, Streit - und Angie, ihr Gesicht, wie sie den Kopf leicht schieflegte, wenn sie nachdachte, ihre Stimme, wie sie seinen Namen sagte. Alles zugleich.
Die Bilder lösten einander ab, verschachtelten sich, wurden schneller, und er suchte krampfhaft nach Zahlen, einer Reihenfolge, etwas, woran er sich festhalten konnte. Da - ein kurzer Blitz, eine Zahlenfolge, so klar, als wäre sie nie verschwunden gewesen. Er griff danach, hielt sie fest, wiederholte sie stumm, wieder und wieder. Er hatte sie.
Jetzt. Die Bilder verlangsamten sich, wurden schärfer, und er sah sich selbst, von oben, klein und fehl am Platz zwischen den Gleisen, während der Zug näher kam, viel zu nah. Er wollte sich bewegen, doch der Moment dehnte sich, zog sich auseinander, als hätte die Zeit beschlossen, ihn nicht mehr loszulassen. Wieder sah er sein Leben, und diesmal auch diesen Augenblick - er sah, wie er hier stand und sah. Und weil auch das Teil seines Lebens war, begann alles von vorn.
Ein Kreislauf: Er sah die Erinnerung, in der er sich erinnerte, und dann die Erinnerung an diese Erinnerung, Schicht um Schicht, ohne Ausweg. Die Panik wollte aufsteigen, fand aber keinen Raum. Der Zug war da - ein gewaltiger Schlag, Lärm, Wind, Gewicht, und dann nichts mehr, das man noch Schmerz nennen konnte.
Über der Erde fuhren Menschen in warmen Waggons nach Hause. Einige bemerkten einen leichten Ruck, andere nicht einmal das; ein alter Mann sah einen dunklen Fleck am Fenster und runzelte die Stirn, seine Sitznachbarin blickte hinaus, dann wieder weg, denn sie hatte andere Gedanken. Angie saß ein paar Wagen weiter vorn, den Blick auf ihre Hände gerichtet, und ahnte nicht, dass Alex ganz in der Nähe war - näher, als man es sich vorstellen konnte. Sie wiederholte seinen Namen leise, wie ein Versprechen. Und der Zug fuhr weiter.
Kapitel 5: Nicht zugestellt
Der Platz vor der Schule lag ruhig da, als wäre nichts geschehen. Ein paar Schüler standen rauchend am Rand, ein Fahrrad lehnte schief an der Mauer, irgendwo schlug eine Tür. Die Uhr zeigte kurz nach halb fünf.
Angie kam außer Atem an. Sie blieb stehen und suchte mit den Augen das Gelände ab, als könnte Alex sich jeden Moment aus der Luft materialisieren. Ihr Herz schlug noch immer zu schnell, die Angst der letzten Stunde hing ihr nach wie ein kalter Schatten.
Er war nicht da. Zuerst dachte sie, sie sei bloß zu spät. Sie ging ein paar Schritte, sah sich um, stellte sich unter den Baum, an dem sie sich verabredet hatten. Minuten vergingen, dann noch mehr.
Sie zog ihr Handy aus der Tasche und starrte auf das Display. Kein verpasster Anruf. Keine Nachricht. Sie überlegte, ihn anzurufen, zögerte - und steckte das Telefon wieder weg. Vielleicht hatte er gedacht, sie käme doch nicht. Vielleicht war er gegangen, verletzt, enttäuscht.
Der Gedanke traf sie härter, als sie erwartet hatte.
Sie setzte sich auf die niedrige Mauer und ließ den Blick über den Platz schweifen. Immer wieder meinte sie, ihn zu sehen: einen breiten Rücken, helles Haar. Jedes Mal war es jemand anderes.
Als sie schließlich aufstand und ging, geschah es nicht aus Entschlossenheit, sondern aus Müdigkeit. Der Tag hatte ihr zu viel abverlangt - die Begegnung im Café, der Anruf, die Angst, die Verspätung. Sie fühlte sich leer.
Zu Hause legte sie die Jacke ab und blieb eine Weile im Flur stehen. Die Stille war ungewohnt laut. Sie setzte sich aufs Bett, nahm das Handy und wählte Alex' Nummer - ohne wirklich zu glauben, dass er abheben würde.
Es klingelte einmal, zweimal, dann sprang die Mailbox an.
Sie legte auf und ließ sich rücklings aufs Bett fallen. Die Decke über ihr hatte einen kleinen Riss, den sie nie bemerkt hatte. Sie starrte ihn an und dachte daran, wie sie Alex früher angesehen hatte, wenn er schlief. Wachsam. Zärtlich. Als könnte man jemanden allein durch Aufmerksamkeit festhalten.
"Idiot", murmelte sie - ohne zu wissen, wen sie meinte.
Später, als es dunkel wurde, klingelte ihr Telefon erneut. Sie fuhr hoch, griff danach, zu schnell. Eine unbekannte Nummer.
"Hallo?"
Am anderen Ende eine Stimme, sachlich, ruhig. Zu ruhig. Sie hörte Worte wie Unfall, U-Bahn, Identifizierung. Ihr Name fiel. Alex' Name fiel.
Sie verstand nicht alles sofort. Manche Sätze schienen an ihr vorbeizugehen, als beträfen sie jemand anderen. Erst als sie das Telefon sinken ließ und merkte, dass ihre Hände zitterten, setzte sich die Bedeutung: Alex war tot.
Sie saß lange so da. Bewegte sich nicht. Dachte nichts. Dann stand sie auf, ging ins Bad und sah sich im Spiegel an. Ihr Gesicht wirkte fremd. Die rote Farbe war fast ganz ausgewaschen; darunter kam ihr eigenes Blond zum Vorschein.
Sie setzte sich wieder aufs Bett und zog die Knie an die Brust. Tränen kamen, leise zuerst, dann unaufhaltsam. Sie dachte an das Café, an den Moment, als sie seinen Namen gesagt hatte. An seine Umarmung. An den Bart, der ihm wirklich gut gestanden hatte.
Und an all die Worte, die sie sich versprochen hatten - und die nun niemand mehr hören würde.
Sie nahm das Handy noch einmal zur Hand und öffnete ihre letzte Nachricht an ihn. Ungeschickt formuliert, zu vorsichtig, voller Umwege. Sie hatte sie nie abgeschickt.
Angie drückte auf Senden.
Kurz darauf zeigte das Display an, dass die Nachricht nicht zugestellt werden konnte.
Sie legte das Handy beiseite, zog die Decke über den Kopf und ließ den Tag zu Ende gehen.
Draußen fuhr irgendwo eine U-Bahn vorbei.
Kapitel 6: Weil sie es konnte
Die Tage danach hatten keine klare Form. Sie bestanden aus Momenten, die aneinanderstießen, ohne sich zu verbinden. Gespräche, an die Angie sich später nicht mehr erinnerte. Gesichter, die Mitgefühl zeigten, als wäre es etwas, das man aufsetzen könnte wie einen Mantel.
Sie funktionierte. Sie beantwortete Fragen. Sie unterschrieb, wo man ihr einen Stift reichte. Sie hörte Sätze wie "so jung noch" und "so etwas passiert einfach" und nickte, obwohl nichts davon in ihr ankam.
Nachts lag sie wach und dachte an das Café, immer wieder an das Café. An die Art, wie Alex sie angesehen hatte, als hätte er etwas wiedergefunden, das er längst verloren glaubte. An den Augenblick, in dem sie seinen Namen gesagt hatte - wie leicht er sich damals hatte aussprechen lassen, wie selbstverständlich: Alex.
Sie malte sich aus, wie alles hätte sein können. Nicht groß, nicht perfekt. Nur gemeinsam. Ein paar vorsichtige Schritte, ein langsames Wiederannähern. Gespräche, die man nicht sofort beendete, aus Angst, sie könnten zu viel bedeuten.
Am dritten Tag ging sie wieder hinaus. Nicht, weil sie wollte, sondern weil der Stillstand unerträglich wurde. Sie lief durch die Stadt, ohne Ziel, ließ sich treiben. An der Schule blieb sie stehen, unwillkürlich. Der Platz sah aus wie immer. Menschen gingen vorbei. Niemand wusste, was hier für sie geschehen war.
Sie setzte sich auf dieselbe niedrige Mauer. Ein Teil von ihr wartete noch immer - auf ein Geräusch, eine Bewegung, eine Stimme, auf etwas, das sagte, alles sei nur ein Missverständnis gewesen, dass Alex gleich um die Ecke käme, außer Atem, entschuldigend, lebendig. Nichts geschah.
Später fuhr sie mit der U-Bahn nach Hause. Der Zug kam, hielt, fuhr weiter. Sie betrachtete ihr Spiegelbild im Fenster. Es war ruhiger geworden. Älter, vielleicht. Als hätte der Verlust etwas aus ihr herausgelöst, das nie wieder zurückkehren würde.
Sie dachte daran, wie nahe sie sich gewesen waren. Wie sie im selben Zug gesessen hatten, ohne es zu wissen. Diese Nähe, so grausam und sinnlos, schnürte ihr die Kehle zu.
Zu Hause schrieb sie Alex einen Brief. Mit der Hand. Langsam, bedacht. Sie schrieb nichts Großes. Keine Erklärungen, keine Schuldzuweisungen. Nur das, was sie ihm im Café und danach nicht mehr hatte sagen können.
Dass sie ihn gesehen hatte. Wirklich gesehen.
Dass sie froh war, ihn noch einmal in den Armen gehalten zu
haben.
Dass er nicht vergessen war.
Als sie fertig war, faltete sie das Papier und legte es in eine Schublade. Sie wusste nicht, was sie damit tun sollte. Vielleicht würde sie es eines Tages verbrennen. Vielleicht einfach behalten.
Am Abend färbte sie ihr Haar nicht mehr. Sie ließ das Blond zurückkommen. Es fühlte sich nicht wie ein Schritt an, eher wie ein Aufhören, sich zu verstecken.
Draußen wurde es dunkel. Angie setzte sich ans Fenster und sah den Lichtern der Stadt zu. Irgendwo unter ihr fuhren Züge, kamen und gingen, wie sie es immer getan hatten. Und sie saß da, atmete, lebte weiter.
Nicht, weil sie es wollte. Sondern weil sie es konnte.
Kapitel 7: Teil ihrer Geschichte
Der Brief blieb in der Schublade. Angie öffnete sie manchmal, nahm das gefaltete Papier heraus, legte es wieder zurück. Weniger das Geschriebene zählte als die Gewissheit, dass es existierte, dass es Worte gab, die nicht verloren gegangen waren - auch wenn ihr Adressat es war.
Mit der Zeit lernte sie, die Stadt anders zu sehen. Nicht mehr als Abfolge von Orten, an denen etwas hätte geschehen können, sondern als Räume, die einfach da waren. Das Café, die Schule, die U-Bahn - sie verloren ihre Schärfe. Sie blieben, taten aber nicht mehr bei jeder Berührung weh.
Manchmal dachte sie an den Zufall. An die feine, grausame Ironie, dass sie einander gefunden hatten, gerade rechtzeitig, um sich wieder zu verlieren. Dass Nähe nicht immer rettet, sondern manchmal nur sichtbar macht, was ohnehin zerbrechlich ist.
Sie hörte auf, sich zu fragen, was Alex noch hätte sagen wollen oder was sie anders hätte machen können. Diese Fragen führten nirgendwohin. Stattdessen begann sie, sich an das zu erinnern, was wirklich gewesen war: dieser eine Nachmittag, dieses eine Gespräch, diese Umarmung. Es war genug.
An einem frühen Abend, als der Himmel langsam dunkler wurde, nahm sie den Brief ein letztes Mal aus der Schublade. Sie las ihn nicht; sie wusste, was darin stand. Dann zerriss sie ihn sorgfältig, Stück für Stück, und warf die Schnipsel in den Papierkorb - nicht aus Vergessen, sondern aus Akzeptanz.
Später saß sie am Fenster und sah zu, wie unten ein Zug einfuhr, Menschen ausspuckte und wieder verschluckte. Leben, das weiterging, ohne jemanden zu fragen.
Angie legte die Hand auf die Fensterscheibe. Sie spürte die Kälte, das Hier und Jetzt. Sie atmete ein, langsam, bewusst.
Alex war Teil ihrer Geschichte.
Nicht ihr Ende.
Und zwischen dem, was verloren war, und dem, was blieb, fand sie etwas wieder, das sie lange nicht mehr gekannt hatte: Ruhe.
Ende