Der letzte Alchemist
Ein unsterblicher Alchemist beobachtet aus den Tiefen eines fremden Planeten die Träume eines Jungen. Was als kosmische Forschung beginnt, verwandelt sich in eine Reise durch Eifersucht, Wut und unerwiderte Liebe - bis Traum und Wirklichkeit nicht mehr zu trennen sind. "Der letzte Alchemist" verbindet epische Science-Fantasy mit der Intimität eines Coming-of-Age-Moments und erzählt von der gefährlichen Macht ungelebter Gefühle.
April 2005
Kapitel 1: Der Feige
Lange waren sie vergessen: jene geheimen Alchemisten, die Schamanen der Macht.
Jahrtausende vor jeder Zeitrechnung beschloss der Rat der Götter, es sei an der Zeit, die Mechanik der Ewigkeit zu entschlüsseln - jene geheimen Scharniere, an denen das Universum hängt. Zu diesem Zweck erschuf er fünfzig Kämpfer: Magier von edelster Natur, gezeichnet mit unendlicher Weisheit. Man gab ihnen nur einen Namen:
die Mystischen Fünfzig.
Ihre Aufgabe war es, die tiefsten, längst verschütteten Geheimnisse der Wirklichkeit zu entwirren. Dafür gingen sie in Gefahren, die kein Sterblicher zu benennen weiß: Sie erforschten fremdes Leben, betraten neugeborene, noch brennende Welten, drangen in die Weiten des Alls vor - und in die Abgründe der eigenen Seele.
So wurde ans Licht gezerrt, was besser im Dunkeln geblieben wäre. Viele der Fünfzig bezahlten es mit dem Leben; doch genau darin lag ihre Pflicht. Und obwohl die Götter ihnen unverwundbare Körper und unsterbliche Seelen verliehen hatten, fielen sie mit der Zeit doch alle - denn in der Unendlichkeit des astralen Raums lauern Dinge, neben denen der Tod beinahe gnädig wirkt.
Einer nach dem anderen erlosch, verloren in den Nebeln der Zeit.
Alle - bis auf einen.
Welkenor. Der Feige.
Das Leben eines Unsterblichen ist eine Qual, dachte Welkenor, während das Licht seines brodelnden Stahlkessels über sein Gesicht wanderte.
Er war alt. Hager. Vollkommen haarlos. Eine Hälfte seines Gesichts war verbrannt - kohlrabenschwarz, entstellt, die Haut dort wie zerfetztes Leder. Ein Mal der Feigheit. Das Feuer, das die anderen verzehrt hatte, hatte ihn nicht erlöst; es hatte ihn nur gezeichnet.
In einer schwarzen Kutte, die seinen zerbrechlichen Körper umspielte wie ein Schatten, saß er verkrampft in seinem Labor - tief im Inneren eines Berges, auf einem fremden, namenlosen Planeten.
Welkenor war des Lebens müde.
Er hatte es satt, Geheimnisse aufzuspüren - Dinge zu erfahren, die niemand brauchte und die doch nach ihm riefen wie ein Fluch. Einst war er mit seinen Eidgenossen in die ewige Nacht des Alls vorgedrungen und hatte verbotene Mysterien geborgen. Er hatte überlebt. Die anderen nicht.
Er erinnerte sich.
Es war seine Zurückhaltung gewesen - manche würden sie Feigheit nennen -, die ihn die letzte Schlacht hatte überstehen lassen: die Schlacht gegen die Mächte des verlorenen Gottes Kelligar.
Zehn waren sie da noch gewesen, die letzten Zehn einer einst stolzen Schar junger, unternehmungslustiger Alchemisten. Doch inzwischen zählten sie mehrere tausend Jahre, und ihr Verstand stand am Rand des Wahnsinns - denn kein Mensch lebt über seine Zeit hinaus, ohne Schaden zu nehmen. Sie waren besessen von ihrer Aufgabe.
Alle - außer Welkenor.
Er allein sah die Sinnlosigkeit. In der Unendlichkeit des Alls gibt es unzählige Geheimnisse; sie hätten bis ans Ende der Ewigkeit suchen können und wären doch nie "fertig" geworden.
Die anderen neun aber waren überzeugt, Kelligar - ein renegater Gott von unheimlicher Macht und teuflischem Verlangen - verberge die Dimensionssteine: Artefakte, die Herrschaft über die Dimensionen verhießen, Zugang zu vergessenen Rätseln und fremden Wirklichkeiten.
Sie stellten ihn.
Eine weltenerschütternde Schlacht brach los. Eine ganze Galaxis verglühte. Mächte blasphemischer Verbotenheit wurden entfesselt, und die Wirklichkeit selbst riss auf wie Stoff unter zu großer Spannung.
Am Ende starben die Zehn in einer Symphonie infernalen Todes - und rissen Kelligar mit sich. In der Explosion wurde Welkenors Gesicht entstellt. Und die Steine … die Steine zerbarsten, und ihr Geheimnis fiel zurück in die Vergessenheit.
Alle waren fort. Alle außer ihm.
Es war seine Schuld gewesen.
Er hatte gezögert. Im entscheidenden Augenblick hatte der Mut ihn verlassen. So trug er die Schuld am Untergang der letzten Alchemisten.
Bei dem Gedanken schloss Welkenor die Augen, als ließe sich die Erinnerung darin einsperren. Mit knochigen Fingern massierte er sich die Schläfen, langsam, zögernd.
Alles war sinnlos. Ohne Hoffnung.
Was tat er hier überhaupt? War es die Schuld, die an seiner Seele nagte wie Säure am Metall - und ihn dennoch zwang, die Arbeit der Brüder fortzusetzen?
Welkenor wusste es nicht.
Er öffnete die Augen und blickte in die Höhle. Er war uralt, sein Geist müde und zerrissen, seine Erinnerungen voller Lücken. Manchmal entfielen ihm die einfachsten Dinge - als hätte die Ewigkeit sein Gedächtnis mit einer stumpfen Klinge abgeschabt.
Die Grotte ragte um ihn auf wie der Rachen eines Drachen: Stalaktiten und Stalagmiten, Zähne aus Stein im Dunkel. In ihrer Mitte stand ein mächtiger Kessel aus vorzeitlichem Stahl, und darin brodelte eine strahlende Flüssigkeit.
Der Kessel der Wahrheit.
Etwas, das früher einmal ein Lächeln gewesen war, verzog Welkenors Züge.
Die Wahrheit. Was war das überhaupt? Es gab tausend Wahrheiten und keine einzige absolute - jeder trug seine mit sich herum wie eine Lampe, die nur den eigenen Weg beleuchtet.
Er verscheuchte den Gedanken.
Sein Blick wanderte weiter: ein großer runder Tisch voller chemischer Gerätschaften, daneben ein Glanzstück moderner Wissenschaft - ein mächtiges Computersystem.
Die Alchemisten waren traditionsverhaftet, doch die Jahrtausende hatten sie gelehrt, nach neuen Mitteln zu greifen. Sie benutzten Computer - allerdings wie mystische Instrumente einer diabolischen Kunst, deren innere Funktionsweise sie nie wirklich durchschauten.
Welkenor betrachtete das kalte Plastik des Monitors. Darunter lauerte die Zentraleinheit wie eine dunkle Bestie, die Tastatur lag wie ein Opfer auf einem improvisierten Altar, und hinter dem Gerät spannten sich Kabel zu einem Spinnennetz, das jede Apparatur der Höhle miteinander verband.
Sehnsüchtig sah er zum Ausgang: ein Gewölbe, das sich hinter einer Ecke nach oben wand, zum Licht - oder zumindest zu etwas, das nicht Stein war.
Dann kam es wieder, dieses bedrückende Gefühl. Klaustrophobie. Als spürte er mit einem Mal die abertausend Tonnen über sich, die ihn von der Außenwelt abschnitten. Als hasse ihn der Berg. Als wäre er nicht nur Heim, sondern Exil; nicht nur Schutz, sondern Kerker.
Da summte es.
Automatisch wandte Welkenor sich dem Bildschirm zu. Ein Licht erwachte darin, unheimlich - wie ein Auge, das sich öffnet.
Die automatische Abtastung hatte etwas gefunden.
Welkenor wirkte wie verwandelt. Mit plötzlich wiedergefundener Wachheit starrte er auf die Anzeige.
Er hatte Sonden in die Weiten des Alls geschickt, Maschinen, die dort lauschten, wo selbst das Licht leiser wird - auf der Suche nach den Spuren jener Macht, die er einst bekämpft und überlebt hatte. Jetzt sah er auf dem Monitor die Früchte dieser Suche.
Was er sah, war faszinierend. Überraschend.
Und völlig unerwartet.
Kapitel 2: Ein kosmisches Missgeschick
Mark Klaston-Hoffs war ein Idiot.
Das war nicht seine eigene Meinung - im Gegenteil -, doch man erinnerte ihn zuverlässig daran, mindestens einmal am Tag. Mark war groß, sehr dünn und hatte den Körperbau eines überdimensionierten Borstenpinsels. Sein blondes Haar hing ihm wie ein nasses Taschentuch vom Kopf, festgeklebt von so viel Haargel, dass sich damit vermutlich der Jahresbedarf eines mittelgroßen Inselstaates hätte decken lassen.
Er stammte aus einem winzigen, vergessenen Ort irgendwo in Quellnien. Über diesen Ort war nur eines bekannt: Er besaß einen Flughafen. Wobei "Flughafen" ein überaus großzügiger Begriff war - in Wahrheit handelte es sich um ein ehemaliges Fußballfeld, eine Tankstelle und eine alte Scheune, die man mit großem Stolz "Tower" nannte, obwohl sich darin meist nur eine Kuh aufhielt, die gelassen an einem Heuhaufen kaute.
Manchmal gelang es Mark sogar, komisch zu sein - aber wirklich nur manchmal, und nur dann, wenn man nicht genau hinhörte. Seine Witze waren so seicht wie ein Spucknapf in der Sahara, und es war beinahe eine Qual, ihnen zuzuhören. Beinahe. Denn oft überschritten sie die bloße Qual und erschlossen ganz neue Bereiche des Schmerzes.
Am schlimmsten wurde es, wenn Mark mit jemandem allein war. Dann riss er pausenlos Witze auf dessen Kosten. Besonders gern verpasste er den Leuten Spitznamen - vorzugsweise in Fremdsprachen, deren Bedeutung ihm selbst nicht ganz klar war. Dagegen wäre wenig einzuwenden gewesen, hätte er sie nicht so lange wiederholt, bis der letzte Rest Humor daraus verschwunden war und nur noch das Nerven blieb.
Marks Zukunft mochte in einer Nervenklinik enden - wenn nicht als Patient, dann als Belastungstest für frisch genesene Nerven. Wenn er eines war, dann eine Nervensäge.
Zu allem Überfluss machte er sich auch über die Herkunft anderer lustig - vielleicht ein Komplex aus dem Leben in einem winzigen, abgelegenen Ort. Vielleicht lag es aber auch schlicht an Einfallslosigkeit.
Wie gesagt: Wehe dem, der mit Klaston-Hoffs allein war. Diese Person verdiente Mitleid.
Jamie verdiente Mitleid.
Sie konnte einfach nicht mehr. Sie war müde - müde vom frühen Aufstehen, müde vom Schulweg und vor allem müde von Mark Klaston-Hoffs' dämlichen Scherzen.
"Pfannkuchengesicht!", rief er lachend und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
Jamie verdrehte die Augen. Sehr witzig, dachte sie. Wenn es ihm Spaß machte, bitte - aber mit jemand anderem. Für wen hielt dieser Typ sich eigentlich?
Dann erst fiel ihr auf, wie sonderbar die Lage war: Warum saß sie überhaupt mutterseelenallein mit Klaston-Hoffs hier? Der Unterricht begann in weniger als zehn Minuten.
Jamie konnte nicht ahnen, dass ein kleines kosmisches Missgeschick soeben das gesamte quellnische U-Bahn-Netz lahmgelegt hatte.
Ein winziger Asteroid war in die Erdatmosphäre eingedrungen. Glücklicherweise verglühte er restlos, ehe er echten Schaden anrichten konnte. Hobby- wie Berufsastronomen jedoch verfolgten das Ereignis mit fiebriger Begeisterung.
So auch ein Junge namens Buck Wildham.
Buck stand auf seiner Terrasse hinter einem gewaltigen Teleskop, das eher an die Speiseröhre eines Wals erinnerte als an ein wissenschaftliches Instrument. Als der Asteroid seine letzten Sekunden erlebte, beugte Buck sich zu weit vor - und stieß dabei einen Blumentopf um.
Der Topf landete glücklicherweise auf der Terrasse. Unglücklicherweise war die Pflanze kurz zuvor gegossen worden, und ein paar Wassertropfen rannen über den Rand und fielen auf die Straße hinab.
Exakt in diesem Moment spazierte dort die Gattin des ehrenwerten Direktors des quellnischen U-Bahn-Netzes entlang. Sie trug einen nagelneuen Nerzmantel und war auf dem Weg, ihn stolz ihren Freundinnen vorzuführen.
Die Tropfen klatschten ihr auf die Stirn.
Die Dame blickte zum Himmel, runzelte die Stirn - und war augenblicklich überzeugt, es habe zu regnen begonnen.
In heller Panik eilte sie nach Hause. Doch ihr Mann hatte den einzigen Regenschirm mit ins Büro genommen. Also stieg sie hastig in ihren BMW und fuhr zur U-Bahn-Zentrale, die - wie alles in Quellnien - praktischerweise gleich um die Ecke lag.
Dass es überhaupt nicht regnete, entging ihr.
In der Zentrale stürmte sie wie eine Furie ins Büro ihres Mannes und verlangte lautstark den Schirm. Der Direktor, ein Mann von ausgeprägter Unterwürfigkeit, händigte ihn ihr sofort aus.
Beruhigt spannte sie den Schirm noch im Büro auf, um sich von seiner Tauglichkeit zu überzeugen. Unglücklicherweise streifte eine der Spitzen dabei einen winzigen Schalter - einen Schalter, von dessen Existenz niemand wusste.
Es war der Schalter für den Rückwärtsgang der U-Bahn-Züge.
Kurz nachdem Jamie ihre U-Bahn verlassen hatte, raste der Zug wieder los - allerdings in die falsche Richtung. An einer anderen Station rammte er einen unglücklichen Fahrgast, der sich ein wenig zu weit vorgebeugt hatte.
Zum Glück verlor der Mann durch einen Stromschlag das Bewusstsein, bevor Schlimmeres geschehen konnte.
All das wussten weder Jamie noch Buck Wildham - und schon gar nicht die Frau des Direktors.
Und während tief unter der Erde das Chaos regierte, saß Jamie im Klassenzimmer fest.
Allein.
Mit Mark Klaston-Hoffs.
Kapitel 3: Versiegelte Lippen
Adam Dixon hatte vergeblich auf die U-Bahn gewartet und beschloss schließlich, mit dem Bus zur Schule zu fahren.
Als er Platz nahm, versuchte er, fröhlich zu wirken - ein Unterfangen, das gründlich misslang. Seine Gedanken waren längst woanders. Genauer: bei Jamie. Und ganz sicher nicht bei den neuen Methoden, mit denen er eigentlich Joeys Schulden hätte eintreiben sollen.
In den vergangenen Wochen war Adam ihr bewusst aus dem Weg gegangen. Er hatte das Gefühl, ihr auf die Nerven zu fallen, und die Vorstellung, sie könnte ihn tatsächlich nicht ausstehen, schmerzte mehr, als er sich eingestand. Lieber wich er ihr aus, als eine weitere Abweisung zu riskieren.
Abweisungen.
Er wollte mit ihr ins Kino gehen, lachen, einfach Zeit mit ihr verbringen. Doch jedes Mal, wenn er den Mut fand, sie zu fragen, erntete er nichts als höfliche Ablehnung.
Adam starrte aus dem Busfenster. Die vorbeiziehenden Häuser verschwammen zu Träumen - Träumen von Jamie. Nah genug, um wehzutun, und doch unerreichbar fern. Würden sie je Wirklichkeit werden? Adam senkte den Blick. Er kannte die Antwort nicht.
Der Bus hielt ruckartig. Eine alte Dame stieg ein und führte mit beeindruckender Hingabe vor, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch stand - in der Hoffnung, ein junger Mann möge ihr seinen Sitzplatz überlassen.
Hinter ihr betrat ein Mädchen den Bus.
Sie war auffallend hübsch: langes, helles Haar, eine selbstbewusste Haltung, ein Blick, der mühelos Aufmerksamkeit auf sich zog. Mehrere Fahrgäste folgten ihr mit unverhohlenem Interesse, als hätte jemand die Zeit angehalten.
Alle.
Alle außer Adam Dixon.
Er würdigte sie kaum eines Blickes.
Ein Teil seines Gehirns meldete: Da ist ein Mädchen.
Ein anderer fragte: Ist es Jamie?
Nein, antwortete der erste. Und falls doch, hat sie sich dramatisch verändert.
Dann ist es egal, entschied der andere.
Neben Jamie verblasste jede andere Schönheit. Für Adam zählte nicht das Äußere, sondern die Art, wie Jamie sich bewegte, wie sie sprach - diese stille Verlässlichkeit, diese Nähe, die sich anfühlte wie Geborgenheit. Für ihn gab es nichts Schöneres als sie.
Während seine Gedanken sich im Kreis drehten, saß Adam reglos da und starrte aus dem Fenster. Erst als der innere Streit verstummt war, bemerkte er, dass er seine Haltestelle längst verpasst hatte.
Ein weiterer Beweis dafür, dass das menschliche Gehirn ein überbewertetes Organ ist.
Man hatte Adam oft gesagt, er mache zu große Schritte. Also machte er kleinere.
Man hatte ihm gesagt, seine Schritte klängen zu laut. Also ging er leiser.
Man hatte ihm gesagt, er solle nicht immer dieses Babygesicht aufsetzen. Also versuchte er es mit einem ernsten Pokerface.
All das gelang ihm.
Nur eines nicht: die quälenden Gedanken an Jamie zu vertreiben. Es gab so viel, das er ihr sagen wollte - so viele Fragen, so viele unausgesprochene Sätze. Doch seine Lippen blieben versiegelt.
Langsam ging er durch die Marmorgänge der alten Schule. Seine Schritte waren leise, und doch schien das bröckelnde Gewölbe des Altbaus jedes Geräusch zu verstärken. Irgendein sechster Sinn - ein noch unbenannter Teil des Gehirns, den Wissenschaftler wohl erst in sehr dicken Lehrbüchern beschreiben würden - führte ihn zuverlässig zur richtigen Klasse.
Vor der Tür blieb Adam stehen.
Alles war still.
Sein Herz schlug schneller. Die Stille war schwer und drückend - so wie jene, die er in Jamies Blick zu erkennen glaubte, wenn er an seine Liebe dachte.
Dann hörte er Lachen.
Ein entsetzlich dummes Lachen.
Es drang aus dem Klassenzimmer, laut und ungehemmt. Adam trat näher an die Tür. Beim zweiten Mal klang es noch schlimmer als beim ersten - was ihn überraschte, denn er hatte angenommen, das Maximum an Blödheit sei bereits erreicht.
Dann hörte er eine Stimme, die sein Herz unweigerlich schneller schlagen ließ.
Jamies Stimme.
Sie klang angespannt, genervt - als könne sie das Lachen kaum noch ertragen.
Adams Hand schwebte über der Türklinke. Eifersüchtige Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Mit wem lachte sie? Mit wem hatte sie Spaß - etwas, das sie mit ihm offenbar nie wollte?
Natürlich zog sein Verstand voreilige Schlüsse. Denn nicht Jamie war es, die lachte.
Es war jemand anderes.
Mit einem leisen Knarren öffnete Adam die Tür.
Jamie sah ihn an, und in ihrem Blick lag so etwas wie Erleichterung. Neben ihr saß - oder besser: lag - Mark Klaston-Hoffs, über zwei Stühle verteilt wie Erdnussbutter auf einem wehrlosen Stück Brot.
Adam trat ein und grüßte Jamie; Klaston-Hoffs bemerkte er zunächst gar nicht. Jamie war wie eine Sonne, deren Licht alles andere überstrahlte.
"Unser Schlipsträger! Servus, Alain Delon!", rief Mark begeistert. Endlich hatte er ein neues Ziel.
Adam warf ihm einen kurzen, genervten Blick zu und grüßte zurück. Langsam begann er zu ahnen, was Jamie die vergangene halbe Stunde hatte ertragen müssen.
Klaston-Hoffs sprang auf und trat wild in die Luft. Die Bewegungen sollten entfernt an Karate erinnern, verfehlten dieses Ziel jedoch um Welten.
Adam sah Jamie fragend an.
"Ist er immer so?", fragte er leise.
Jamie verdrehte die Augen und setzte sich.
Dann traf Adam der Schmerz.
Mark hatte zugetreten.
Adams Knie gab nach, und beinahe hätte er das Gleichgewicht verloren, hätte er sich nicht an einem Tisch festgehalten. Mark schlug sich die Hand vor den Mund, versuchte zu lachen - und scheiterte kläglich.
"'Tschuldigung. War keine Absicht", sagte er und klopfte Adam gönnerhaft auf die Schulter. "Wird schon wieder."
Adam richtete sich auf, strich seine Kleidung glatt und zwang sich zur Ruhe. In ihm tobte etwas Heißes, Unkontrollierbares - doch die Fassade hielt.
Noch.
Als wäre das nicht genug, griff Mark nach Adams Krawatte und zog daran. Adams Hals geriet in eine Stellung, die eindeutig nicht vorgesehen war.
Mit einem Ruck riss Adam die Krawatte aus Marks Hand und rückte sie schweigend zurecht. Hinter der ruhigen Stirn jedoch explodierte etwas.
Mark ließ sich wieder fallen und begann zu singen - zur Melodie eines bekannten Liedes, mit einem Text, der nicht wiederholenswert war.
Adam fragte sich, wie lange er diesen Idioten noch ertragen konnte.
Kapitel 4: Adrenalin
Ein leises Plätschern erfüllte das unterirdische Labor des vorzeitlichen Alchemisten.
Auf dem dunklen Monitor spiegelte sich das fahle Licht in Welkenors Augen. Reglos saß er davor, gebannt von den Bildern, die sich ihm offenbarten. In all den zahllosen Jahrtausenden hatte ihn nichts mehr wirklich überrascht - doch nun spürte er es wieder: Neugier.
Etwas war anders. Etwas Neues.
Welkenor wusste, dass er tiefer gehen musste. Näher heran an das, was sich dort zeigte. Mehr ans Licht zerren. Alles wissen.
Ein Murmeln auf den Lippen, beugte er sich über den gewaltigen Kessel und ließ verbotene Substanzen hineinrieseln. Das Murmeln wurde lauter, schneller, fiebriger. Seine Augen fielen zu. Welkenor sank in Trance.
Sein Körper begann sich zu wiegen, langsam, rhythmisch, als folgte er einer Musik, die nur er hören konnte - einer Musik aus einer anderen Dimension, ekstatisch und zwingend. Er war ihr ausgeliefert und beherrschte sie zugleich, Meister und Werkzeug in einem.
Seine Stimme erhob sich, alt und brüchig, doch getragen von einer Macht, die größer war als er selbst. Mit jedem Laut wuchs das Leuchten im Herzen des Kessels, und das Brodeln wurde wilder, aggressiver.
Gespenstische Lichter tanzten über die Höhlenwände. Flammen fremder Herkunft schienen die Luft selbst zu entzünden. Der Rhythmus der unsichtbaren Musik ließ den ganzen Berg erzittern.
Dann - Stille.
Welkenor öffnete die Augen. Für einen Moment war es, als sähe er die Welt zum ersten Mal. Verwirrt blickte er umher, bis sein Gedächtnis sich sammelte und ihn zurück zum Monitor führte.
Was er dort sah, war klarer als je zuvor.
Das Ritual hatte gewirkt.
Es war Zeit, weiterzusehen.
"Hey, Alain Delon", höhnte Klaston-Hoffs. "Kennst du eigentlich schon unser Pfannkuchengesicht? Jamie … irgendwas-Latino-mäßiges."
Er deutete auf Jamies Kleidung, auf die feinen Muster an ihrem Kragen, und sein Finger kam ihr zu nahe. Zu nah. Dann packte er den Stoff und zerrte daran, als wollte er ihn aufreißen.
Adam war sofort da.
Er umschloss Marks Handgelenk und drückte es mit einem Griff nach unten, der keinen Zweifel ließ. Mark ließ los.
Adrenalin schoss durch Adams Adern.
Adrenalin ist eine bemerkenswerte Substanz.
Es wird ausgeschüttet, wenn der Körper Energie braucht - sofort, kompromisslos. Zucker verbrennt, Kraft wird mobilisiert. Wut ist dabei kein Nebeneffekt, sondern ein Ausdruck eben dieser Energie.
Adam Dixon erlebte diesen Vorgang zum ersten Mal bewusst.
Sein Körper kannte kein Maß, kein Gleichgewicht. Die Drüsen übertrieben. Wo andere längst explodiert wären, hielt Adam noch stand - aber nur, weil er seine Wut niederzwang wie ein Tyrann, nicht wie ein König.
Dann holte Mark aus.
Die Hand raste auf Adams Gesicht zu - und blieb stehen.
Adam hielt sie fest.
Sein Griff schloss sich um das Gelenk, fest, fester. In Marks Augen sammelten sich Tränen, Überraschung mischte sich mit Schmerz. So viel Kraft hatte er diesem Schlipsträger nicht zugetraut.
Und dann tat Mark etwas, womit Adam nicht gerechnet hatte.
Er schlug ein zweites Mal zu.
Der Schlag traf Adams Auge. Einen Moment lang fühlte er nichts - nur Leere, ein fernes Dröhnen. Die Welt wurde unwirklich, wie ein Traum kurz vor dem Erwachen. Dann kam der Schmerz.
Explosiv.
Glühend.
Zerreißend.
Adam taumelte, blieb jedoch stehen. Der Gedanke, vor Jamie schwach zu wirken, hielt ihn aufrecht. Sein Herz hämmerte, Energie pulsierte durch seinen Körper.
Kurz sah er zu Jamie. Ihre Augen waren weit aufgerissen.
Das reichte.
Adam ließ los.
Zum ersten Mal in seinem Leben gab er seinem Zorn nach.
Er wusste nicht, was nun geschehen würde.
Doch er würde es herausfinden.
Kapitel 5: Kontrollverlust
Welkenor spürte es zuerst, noch ehe er es begriff.
Etwas entzog sich seinem Griff.
Die Bilder auf dem Monitor verloren an Schärfe, flackerten, verzerrten sich. Die Wirklichkeit begann zu gleiten. Hinter ihm brodelte der Kessel nun so heftig, als wäre er zu einem Lavameer geworden, das aus dem Innersten eines fremden Planeten hervorbrach.
Erschrocken fuhr der Alchemist herum.
Funken stoben. Flammen leckten an der Luft. Elektrizität legte sich wie ein lebendiges Netz über die Höhle. Alles vibrierte, alles war in Bewegung - als hätte die Materie selbst beschlossen, sich seiner Kontrolle zu entziehen.
Welkenors Puls hämmerte. Die Ader an seinem Hals trat hervor, und sein Blut tobte wie ein Sturm.
Das darf nicht passieren.
Hastig löschte er das Feuer unter dem Kessel, murmelte Bannworte, versuchte, das Chaos einzudämmen. Langsam - quälend langsam - beruhigte sich die Flüssigkeit. Das Brodeln ließ nach. Die Höhle kam zur Ruhe.
Stille.
Welkenor sank erschöpft nieder. Die Last der Jahrtausende legte sich auf ihn wie Blei, und seine Augen fielen zu.
Der letzte mystische Alchemist schlief.
Und bemerkte nicht, was sich auf dem alten, flackernden Monitor weiter abspielte.
Adams Faust ballte sich.
Die Luft war kühl an seinen Knöcheln, als er ausholte. Der Moment dehnte sich, als hätte die Zeit beschlossen, für einen Atemzug stillzustehen.
Dann traf er.
Der Aufprall schleuderte Mark Klaston-Hoffs rückwärts aus dem Klassenzimmer. Er prallte gegen das Fensterbrett im Gang und riss sich hoch - überraschend zäh für jemanden, der so schmächtig wirkte.
Adam folgte ihm.
Mark holte aus und traf nichts. Adam schlug erneut zu. Schmerz verzerrte Marks Gesicht und löschte für einen Augenblick den ewigen Spott. Doch der Kampf war nicht vorbei: Keuchend richtete Mark sich wieder auf, als wollte er beweisen, dass auch Idioten Widerstand leisten können.
Sie schlugen aufeinander ein - roh, unkoordiniert, verzweifelt. Kein Heldentum, keine Eleganz. Nur zwei Körper, die ihre Energie loswerden wollten.
Als Mark plötzlich davonrannte, wirkte es beinahe absurd.
Er stolperte zur Treppe, Adam hinterher. Jeder Schritt brannte, doch Adam ignorierte es. Er wollte diesen Kampf zu Ende bringen - für Jamie, für sich selbst, für alles, was sich in ihm angestaut hatte.
Vor der Treppe holte er Mark ein, wirbelte ihn herum und packte ihn am Kragen. Seine Muskeln spannten sich, als er ihn hochhob. Mark baumelte in seiner Hand, leicht und hilflos.
Adam sah ihm in die Augen.
Für einen Moment ebbte die Wut ab. Er erkannte einen Menschen - einen dummen, grausamen, aber dennoch menschlichen Gegner. Und unwillkürlich dachte er an Jamie.
Dann kehrte der Schmerz zurück.
Das verletzte Auge brannte und zerrte an ihm wie ein Tier an der Kette. In diesem Augenblick legte sich eine Hand auf seine Schulter.
Jamie.
Er drehte sich zu ihr um. In ihrem Blick lag Angst - und noch etwas anderes. Ein stilles Flehen. Es reicht.
Mark nutzte den Moment.
Sein Knie traf Adams Bauch. Reflexartig schlug Adam zu.
Mark verlor den Halt. Er taumelte, riss die Arme hoch - und stürzte die Treppe hinunter. Sein Körper schlug auf, überschlug sich und kam unten reglos zum Liegen.
Stille.
Adam stand da und starrte hinab.
Etwas in ihm zerbrach.
Mit einem Mal wirkte die Welt falsch. Zu glatt. Zu fern.
Kapitel 6: Es waren Träume
Adam wachte vor dem Fernseher auf.
Einen Moment lang wusste er nicht, wo er war. Sein Nacken schmerzte, und über den Bildschirm lief ein belangloses Programm - irgendetwas Langweiliges, Sport vielleicht. Er blinzelte, rieb sich die Augen und stellte fest, dass er eingeschlafen war.
Was er nicht wusste: warum.
Welkenor erwachte vor dem Monitor.
Verwirrt starrte er auf die letzten sterbenden Bilder, die flackernd über den Schirm krochen, ehe sie im Dunkel versanken. Ärger stieg in ihm auf. Etwas Wichtiges war geschehen - und er hatte es verschlafen.
Er hob die Hand und schlug auf das Gerät.
Nichts.
Er schlug noch einmal zu.
Seine jahrtausendealte Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass viele komplizierte Apparaturen auf einen gezielten Schlag ansprangen. Dieser Computer gehörte offenbar nicht dazu.
Der Bildschirm blieb leer.
Welkenor konnte es nicht wissen - doch er hatte Adams Geist angezapft, als dieser während einer besonders ereignislosen Sportübertragung eingeschlafen war. Mit seiner Maschine war der Alchemist bis in Adams innerste Gedanken vorgedrungen und hatte Ängste, Hoffnungen und unausgesprochene Gefühle freigelegt.
Was er gesehen hatte, waren keine Erinnerungen.
Es waren Träume.
Ein neues Schuljahr, neue Schüler. Einer davon: Mark Klaston-Hoffs, ein Wiederholer, berüchtigt für sein Auftreten. Jamie schien Interesse an ihm zu zeigen - oder hatte Adams Verstand ihm das nur eingeredet?
In den großen intergalaktischen Nachschlagewerken findet sich ein Eintrag zum sogenannten Gazza-Beaus-Dixon-Syndrom: jener Zustand, in dem ein Junge überzeugt ist, das Mädchen seiner Sehnsucht interessiere sich für seinen Rivalen - ganz ohne den geringsten Beweis.
Ein nüchterner Beobachter hätte wohl festgestellt, dass Jamie an jemandem wie Mark Klaston-Hoffs kaum Gefallen finden konnte. Doch nüchterne Beobachter sind selten. Und so hatte niemand Adam darauf hingewiesen.
Der Alchemist hatte Adams eifersüchtige Ängste an die Oberfläche gezerrt und ihnen Gestalt gegeben. Der Computer hatte seine Gehirnwellen genutzt und daraus Szenen geformt - Träume, die immer wilder wurden, bis sie sich von der Wirklichkeit lösten und in sich selbst zerfielen.
Doch eines war geblieben.
Adam hasste Mark Klaston-Hoffs noch immer.
Adam sah zum Fernseher. Das Programm war noch immer langweilig. Er schaltete ihn aus und ließ den Kopf zurücksinken.
Kurz bevor er wieder einschlief, spürte er, dass dieser Schlaf sich anders anfühlte. Ruhiger. Tiefer.
Er wusste nicht, dass Welkenor seinen Geist nicht länger berührte.
Adam schlief.
Und träumte von Jamie.
Kapitel 7: Das rote Licht
Welkenor, der letzte verbliebene mystische Alchemist, schlug noch einmal auf das kosmische Gerät ein.
Nichts geschah.
Was war bloß mit diesem Ding los? Warum zeigte es nichts mehr? Er holte erneut aus, kräftiger diesmal. Im Inneren des Computers kam es zu einem Fehlkontakt: Eine Leitung erwachte, die seit Äonen unberührt geblieben war.
Ein rotes Licht begann zu blinken.
Welkenor erstarrte.
Ein tiefes, dröhnendes Geräusch erfüllte die Höhle und ließ den Berg selbst erbeben. Der Alchemist starrte auf das Licht. Er kannte es nicht - und das war beunruhigend, denn Dinge, die er nicht kannte, hatten meist unangenehme Folgen.
Hastig griff er nach einer dicken Gebrauchsanweisung, so massiv wie drei irdische Bibeln zusammen. Seine Finger glitten über vergilbte Seiten, bis er fand, was er suchte.
Das rote Licht.
Es bedeutete, dass alle Ein- und Ausgänge der Höhle unwiderruflich verriegelt wurden. Für immer. Und dass sämtliche Insassen die Anlage binnen fünf Sekunden zu verlassen hatten.
Welkenor sah auf seine Armbanduhr.
Die fünf Sekunden waren längst verstrichen.
Die Türen waren verschlossen.
Er würde den Rest seines unsterblichen Lebens in dieser kalten, stillen Höhle verbringen - allein, mit seinen Geräten, seinen Fehlern und seiner Schuld.
Ein passendes Ende für den letzten mystischen Alchemisten.
Vielleicht hätte er den Computer doch nicht so oft schlagen sollen.
Computer schlägt man nicht.
Ende