Das Mädchen, das man nicht berühren konnte
Dies ist eine Geschichte aus einer Zeit, in der Könige noch glaubten, mit Mut und Stahl alles bezwingen zu können, und Zauber als Mittel galten, das Unerträgliche zu verbergen. Sie erzählt von einer Prinzessin, die anders war als alle anderen, von einem Fluch, der aus Übermut geboren wurde, und von einer Liebe, die selbst im Angesicht der Hölle Bestand hatte.
Februar 2005
"Letzte Runde!", rief der Wirt in die volle Taverne.
Niemand hörte auf ihn.
Die Gäste saßen schwer an den Holztischen, betrunken, müde, gleichgültig. Der Wirt verabscheute sie alle - Bauern wie Söldner, Händler wie Bettler. Sie waren gekommen, um zu trinken, zu vergessen, zu bleiben. Und er duldete sie, aus Notwendigkeit, nicht aus Nachsicht. Seit der König tot war, zählte jedes Kupferstück.
Einen hasste er besonders: Josephus, den Buckligen. Einen Mann, der zu deutlich anders war.
Ein Soldat aus der alten Armee lehnte sich zu ihm.
"Erinnert Ihr Euch an Burg Hohenhorst?"
Der Wirt erstarrte.
"Dort sitzt der Letzte vom Hof", sagte der Soldat und deutete auf einen Tisch. "Er erzählt immer dieselbe Geschichte."
Am Tisch saß ein hagerer Greis. In seinem Gesicht funkelte ein dunkelgrünes Glasauge.
"So wahr ich Bartholomäus heiße", sprach er, "so wahr ich Diener König Siegesmunds war - es waren die Flammen der Hölle, die Hohenhorst verschlangen."
Die Gäste drängten näher.
"Ich will euch nicht meine Geschichte erzählen", sagte der Alte.
"Ich erzähle euch die der Prinzessin. Die von Melanie."
Melanie wurde an dem Tag geboren, an dem ihre Mutter starb. Für König Siegesmund blieb dieser Tag für immer ein Tag der Trauer.
Das Mädchen war schön, sanft, still. Und doch betrachtete der König sie mit Furcht. Als sie älter wurde, erkannte man warum: Dinge glitten durch ihre Hände, Mauern durch ihren Körper. Melanie wurde von Jahr zu Jahr weniger greifbar - als verwandle sie sich in Nebel.
Der König ließ den Zauberer Zardok rufen. Er belegte Melanie mit Bannsprüchen, machte ihren Geist schwer, ihre Gedanken träge. Sie sollte nichts bemerken. Nichts fühlen. Nichts wissen.
Denn Siegesmund trug einen Fluch.
In seiner Jugend hatte er Drachen bezwungen, Dämonen herausgefordert - und dem Teufel selbst ein Horn abgeschlagen. Zur Strafe schwor dieser: Keines deiner Kinder soll Liebe erwidern.
Um Melanie vor dem Leid zu schützen, raubte ihr der König das Wissen um Glück. Doch eines Nachts sah er Tränen in ihren geschlossenen Augen. Da wusste er: Sie litt.
Zu ihrem neunzehnten Geburtstag versammelte sich der Adel der Welt in Hohenhorst. Zardok belegte die Gäste mit Zaubern, damit sie nicht sahen, was Melanie war.
Doch bei einem versagte der Bann: Guiseppe, der Sohn eines venezianischen Bankiers.
Als Melanie den Saal betrat, leuchtete Leben in ihren Augen. Ihre Schönheit bannte alle - und als sich ihre Blicke trafen, entflammte Liebe.
Sie tanzten. Ihre Lippen berührten sich.
Einen Atemzug lang schien der Fluch gebrochen.
Dann glitten Guiseppe die Arme durch ihren Körper wie durch Rauch.
Panik brach aus. Die Wahrheit ließ sich nicht länger verbergen.
"Ich hasse dich", schrie Melanie ihrem Vater entgegen - und floh.
Was folgte, war Feuer.
Der vierte Turm öffnete sich. Zardok zeigte sein wahres Gesicht: Er war der Teufel. Die Hölle griff nach der Burg.
Inmitten der Flammen fanden Vater und Tochter einander.
Siegesmund sprach endlich die Wahrheit. Er bat um Vergebung.
Melanie verstand.
"Lass uns hinausgehen", sagte sie. "Ich will den Wind spüren. Die Sterne sehen."
"Dann wärst du der glücklichste Mensch unter der Sonne", sagte der König.
"Nein", antwortete sie leise.
"Dann wäre ich glücklich."
Der Gang stürzte ein.
Die Flammen verschlangen sie gemeinsam.
Als die Ruinen erkaltet waren, stand Bartholomäus allein vor der zerstörten Burg. Der Teufel tobte noch einmal - und verschwand.
"Du hast verloren", sagte der Diener. "Sie hat geliebt."
Das Höllenfeuer blendete ihn. Sein rechtes Auge erlosch.
In der Taverne schwieg man.
"Vielleicht spukt es in den Trümmern", sagte Bartholomäus leise.
"Vielleicht sucht die Prinzessin ihren Vater noch immer.
Doch eines weiß ich: Der Fluch ist gebrochen."
Der Wirt rief: "Letzte Runde."
Niemand bestellte.
Als Josephus, der Bucklige, zahlte, schenkte ihm der Wirt einen Krug. Auf Kosten des Hauses.
Vielleicht lebte der Wirt glücklich bis an sein Ende.
Wahrscheinlicher jedoch war, dass er nicht immer glücklich war - und genau darin lag seine Menschlichkeit.
Ende